Hammerschläge donnern durch den Schiffsrumpf. Schweißgeräte sprühen Funken. Rauchschwaden ziehen durch enge Gänge.
Mittendrin steht der Metallarbeiter Alfred Freese. Er wuchtet Stahlplatten unter eine Presse. Immer wieder hustet er. Dann hält er kurz inne – und bricht zusammen. Direkt an seinem Arbeitsplatz.
Die Szene stammt aus dem Doku-Drama „Die mutigen 56“. Alfred Freese gibt es nicht wirklich. Aber so wie er schuften in den 1950er-Jahren Zehntausende auf den Werften in Norddeutschland.
Und sie alle haben ein Problem: Wenn sie krank werden, bekommen sie keinen Lohn mehr. Nur ein mageres Krankengeld gibt es dann noch. Aber das beträgt nur rund die Hälfte des normalen Entgelts.
Für Arbeiter und ihre Familien bedeutet dieser Verlust schnell existenzielle Not. Sie können ihre Miete nicht mehr zahlen, haben zu wenig Geld für Lebensmittel, Heizung, Kleidung.
Das Risiko, zu erkranken oder sich zu verletzen, ist hoch. Die Werften gehören zu den gefährlichsten Arbeitsplätzen. „Es war eine Faustregel: Jedes Schiff ein Toter“, erinnert sich der ehemalige Werftarbeiter Hans-Gerhard Leu in dem Doku-Drama.
All das ereignet sich mitten im bundesdeutschen „Wirtschaftswunder“, in dem die Unternehmen blendend verdienen, das Wachstum zweistellig ist.
Und all das, während Angestellte bereits seit Jahrzehnten einen gesetzlichen Anspruch auf Lohnfortzahlung im Krankheitsfall haben. Arbeiterinnen und Arbeiter haben diese Sicherheit damals nicht. Das sorgt für Verzweiflung, für Wut und für das Gefühl, als Menschen zweiter Klasse behandelt zu werden.
Wunsch und Wirklichkeit
Die IG Metall hat das Thema damals schon seit Jahren auf ihrer Agenda. Beim Gewerkschaftstag 1954 hat sie die Forderung nach einer „tariflichen Festlegung der Lohnfortzahlung bei Krankheit“ beschlossen.
Nun, im Herbst 1956, soll diese Forderung endlich Realität werden.
Weil die Arbeitgeber strikt gegen die Lohnfortzahlung sind, zeichnet sich ein harter Konflikt ab. Den Austragungsort dieses Konflikts wählt die IG Metall deshalb strategisch: Die Belegschaften der großen Werften sind gewerkschaftlich stark organisiert. Außerdem boomt der Schiffbau in der Bundesrepublik. Die Auftragsbücher sind voll. Reeder wie der griechische „Tankerkönig“ Aristoteles Onassis bestellen ihre Schiffe in Schleswig-Holstein. Ein Streik in dieser Situation kostet die Unternehmen viel Geld.
Ab 6 Uhr morgens wird gestreikt
Am 24. Oktober 1956 ist es soweit: Mit Beginn der Frühschicht treten 18 000 Metallarbeiter in 15 Betrieben in den Streik. In der vorausgegangenen Urabstimmung hatten 77,5 Prozent für den Arbeitskampf gestimmt.
Der Streik hat drei Hauptziele:
- Lohnausgleich bei Krankheit für bis zu sechs Wochen
- Zusätzliches Urlaubsgeld von 7,50 Mark pro Urlaubstag
- Längerer Urlaub: 18 Tage pro Jahr
Die IG Metall wendet nun zum ersten Mal ihre neue Streiktaktik der „flexiblen Eskalation“ an. Heißt: Der Streik startet in einigen ausgewählten Großbetrieben, in denen es besonders viele Gewerkschaftsmitglieder gibt.
Danach soll der Arbeitskampf schrittweise ausgedehnt, der Druck so immer weiter erhöht werden – je nachdem, wie die Arbeitgeber sich verhalten. Und die wollen von einem Kompromiss zunächst nichts wissen.
Bereits in den gescheiterten Verhandlungen vor dem Streik haben sie sich unerbittlich gezeigt. Dahinter stehen vor allem Profitinteressen. Aber auch Vorurteile und ein Misstrauen gegenüber den eigenen Beschäftigten spielen eine große Rolle.
Immer wieder behaupten die Unternehmer, dass eine Lohnfortzahlung zum Blaumachen einlade. In der Zeitschrift der Arbeitgeberverbände (BDA) steht Mitte Dezember 1956: Die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall untergrabe die „Selbstverantwortung“ der Beschäftigten und führe zu einem „erhöhten Anreiz zum Krankfeiern“.
Für die Streikenden sind solche Äußerungen eine Provokation. Sie halten in den Betrieben ihre Knochen hin. Viele werden bereits Jahre vor Erreichen des Rentenalters zu Invaliden. Die Lohnfortzahlung muss kommen!
Also ziehen die Metallerinnen und Metaller die Daumenschrauben weiter an. Sie weiten den Streik in zehn Schritten aus. Im Januar 1957 streiken insgesamt 34 000 Beschäftigte in 38 Betrieben.
Der Kampfeswille der Belegschaften ist groß. Dreimal gibt es eine Urabstimmung über ein neues Verhandlungsergebnis. Zweimal stimmen die IG Metall-Mitglieder für eine Fortführung des Streiks – beim zweiten Mal sogar gegen die Empfehlung der Tarifkommission.
Es ist Winter, Weihnachten kommt und geht. Die Streikenden haben durch den Arbeitskampf Lohneinbußen. Trotzdem machen sie weiter.
Die IG Metall vor Ort tut viel, um den Durchhaltewillen zu stärken. An jedem Streiktag erscheint eine Zeitung. Sie informiert über den Stand der Verhandlungen, macht sich mit Karikaturen über die Propaganda der Arbeitgeber lustig. Es finden dutzende Veranstaltungen statt: Modenschau, Kabarett, Filmvorführung und Kaspertheater für die Kinder.
Die Familien der Streikenden sollen zusammenkommen, sich austauschen, sich als Gemeinschaft fühlen – und für wenige Stunden den harten Streikalltag vergessen können.
Zu Weihnachten 1956 schicken Metallerinnen und Metaller dem ganzen Bundesgebiet Geschenke für die Kinder der Streikenden nach Schleswig-Holstein.
Durchbruch für gleiche Rechte
Nach 114 Tagen endet schließlich der Streik – mit einem Durchbruch. Fortan zahlen die Unternehmen ab dem vierten Krankheitstag einen Lohnausgleich. Die vorgeschalteten Karenztage werden bei längerer Krankheit ebenfalls bezahlt. Dazu kommt längerer Urlaub und mehr Urlaubsgeld.
Die Wirkung dieses Tarifabschlusses geht weit über die Metallindustrie hinaus. Bereits im Juni 1957 beschließt der Bundestag das „Arbeiterkrankheitsgesetz“, das die Lohnfortzahlung allgemein verbessert. 1969 sorgt das „Lohnfortzahlungsgesetz“ schließlich für die wesentliche Gleichstellung von Arbeitern und Angestellten.
Mit ihrem Streik hat die IG Metall eine der großen Errungenschaften des deutschen Sozialstaats auf den Weg gebracht.
Dass diese Errungenschaft immer wieder verteidigt werden muss, ist damals noch nicht absehbar. Aber so kommt es.
In den 1990er Jahren kürzt die konservative Regierung von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) die Lohnfortzahlung auf 80 Prozent. Beschäftigte müssen bei Krankheit mit weniger Geld auskommen.
Die IG Metall sichert die 100-prozentige Lohnfortzahlung daraufhin tariflich ab. Drei Jahre später steht sie auch wieder im Gesetz.
Und heute?
Heute fordern Arbeitgeberverbände erneut unbezahlte Karenztage bei Krankheit – mit denselben Unterstellungen übers „Blaumachen“ wie in den 1950er-Jahren.
Der Kampf, den die Metallerinnen und Metaller 1956/57 so erfolgreich geführt haben: Er endet wohl nie.