Sozialstaat Zehntausende demonstrieren für soziale Politik

Für gute Arbeit, bezahlbare Gesundheitsversorgung und eine Rente, die zum Leben reicht: In 15 deutschen Großstädten sind rund 175.000 Menschen für eine sozialere Politik auf die Straße gegangen. Die vielen geplanten Einschnitte nehmen sie nicht hin.

Vielen Menschen wird es langsam unheimlich: Die ständigen Nachrichten über drohenden Sozialabbau verunsichern Beschäftigte und ihre Familien.<br/><br/>Erst werden Medikamente verteuert, dann soll ab dem ersten Tag einer Erkrankung ein Attest vom Arzt fällig sein. Das Rentenalter soll noch weiter steigen und die "Rente ab 63" abgeschafft werden. Pflegebedürftige und ihre Angehörigen sollen Kürzungen aushalten.<br/><br/>Soziale Politik sieht anders aus.<br/><br/>Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter im ganzen Land nehmen das nicht länger hin.<br/><br/>Am 26. September 2026 ruft der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und seine Mitgliedsgewerkschaften zu einem bundesweiten Aktionstag in 15 Großstädten auf. Motto: <br/><br/>„Hart verdient! Deine Arbeit. Deine Gesundheit. Deine Rente.“

26. September 2026 26. September 2026


Samstagvormittag, Frankfurt am Main. Im Schatten der Bankentürme steht Katharina Lenz – zusammen mit tausenden Kolleginnen und Kollegen aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet. Wer die Metallerin fragt, warum sie heute auf die Straße geht, bekommt eine klare Antwort.

„Ich will der Bundesregierung zeigen, dass es so nicht weitergeht“, sagt die 36-Jährige. „Der geplante Sozialabbau, Kürzungen bei der Rente, Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag – das ist doch alles Wahnsinn!“

Lenz hat ihre beiden Kinder mit zur Demonstration gebracht. Auch für deren Interessen steht sie an diesem Tag in Frankfurt, mit IG Metall-Kappe und Fahne. „Ich will eine soziale Zukunft für meine Kinder“, sagt sie. „Wir müssen unsere hart erkämpften Rechte verteidigen.“


Protest im ganzen Land

So wie Katharina Lenz haben heute viele tausend Menschen demonstriert: In 15 deutschen Großstädten gab es Protestzüge und Kundgebungen, von Freiburg bis Kiel, von Leipzig bis Essen.

„Hart verdient! Deine Arbeit, Deine Gesundheit, Deine Rente“ – unter diesem Motto hatten der Deutsche Gewerkschaftsbund und seine Mitgliedsgewerkschaften zum Aktionstag aufgerufen.

Auch viele Metallerinnen und Metaller waren auf der Straße. Viele von ihnen mit Wut im Bauch.

Kein Wunder: Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) lässt kaum eine Gelegenheit aus, um die Menschen in Deutschland zu „mehr Arbeit“ und weniger Krankschreibungen aufzurufen. Für hart arbeitende Stahlkocher, Mechanikerinnen, Bandarbeiter klingt das wie Hohn.

Und die angekündigte Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag empfinden viele Beschäftigte als Misstrauensvotum – als würden sie ständig blau machen und müssten deshalb scharf kontrolliert werden.

Dazu kommen die zahlreichen geplanten Einschnitte bei Rente, Pflege, Gesundheit. Und nicht zuletzt die Angriffe auf schwer erkämpfte Rechte wie den Acht-Stunden-Tag oder die 35-Stunden-Woche in der Metallindustrie.

Für viele ist das Maß nun voll.

 

Respekt verdient

„Hart arbeitende Menschen haben Respekt, Sicherheit und Verlässlichkeit verdient“, forderte Christiane Benner, Erste Vorsitzende der IG Metall, bei der DGB-Kundgebung in Nürnberg. „Die wahren Leistungsträger im Land sind die Beschäftigten. Ihre Interessen gehören in den Mittelpunkt, sie dürfen nicht die Zeche für die Krise zahlen.“ Kahlschlag und Sozialabbau seien eine Gefahr für die Demokratie, warnte Benner. Deshalb: „Finger weg von der Arbeitszeit, der Block-Altersteilzeit und der abschlagsfreien Rente nach 45 Versicherungsjahren.“

Mehr Respekt vor der Arbeit – bei der Kundgebung in Berlin formulierte es Jürgen Kerner so: „Es macht mich wütend, wenn so genannte Experten die Rente nach 45 Versicherungsjahren schlechtreden, aber keine Ahnung haben vom Arbeitsalltag vieler Beschäftigter.“ Der Zweite Vorsitzende der IG Metall kritisierte in seiner Rede die geplante Abschaffung des Acht-Stunden-Tag: „Wer heute am Arbeitszeitgesetz rüttelt, der möchte in Gutsherrenart über ungeschützte Beschäftigte verfügen. Nicht mit uns!“

Dass der Sozialstaat kein Almosen ist, sondern von den Beschäftigten erarbeitet, betonte Ralf Reinstädtler, Sozialvorstand der IG Metall: „Rente, Gesundheit, Pflege und Familienleistungen sind keine politischen Geschenke, sondern von den Beschäftigten hart erarbeitete und erkämpfte Rechte“, sagte er in Saarbrücken.


 


Wofür die Kolleginnen und Kollegen heute demonstriert haben:

  • Für Wachstum und Investitionen
    Heißt konkret: Industriepolitik, die Arbeitsplatze und Standorte sichert. Mehr Investitionen – finanziert durch Steuern auf hohe Vermögen.

  • Für gute, gesunde und tarifgebundene Arbeit
    Heißt konkret: Verlässliche Arbeitszeiten. Abschaffung von sachgrundlosen Befristungen und Kettenvertragen. Keine Zwangskrankschreibung am 1. Tag.

  • Für eine leistungsfähige und bezahlbare Gesundheitsversorgung und Pflege
    Heißt konkret: Gerechte Finanzierung, zu der alle ihren Beitrag leisten. Kein neuer Lohndruck in der Pflege. Flächendeckende Gesundheitsversorgung im ganzen Land.

  • Für eine Rente, die zum Leben reicht
    Heißt konkret: Abschlagsfreie Rente für langjährig Versicherte und Blockaltersteilzeit. Erreichbares Renteneintrittsalter. Fair finanzierte Betriebsrenten für alle.



Bauplan für soziale Sicherheit

Was viele tausend Gewerkschaftsmitglieder an diesem Aktionstag gefordert haben, ist kein Luxus. Es ist ein Bauplan für soziale Sicherheit. Und diese Sicherheit ist in Krisenzeiten besonders wichtig. Die Bundesregierung schafft gerade das Gegenteil: Sie verunsichert viele Menschen im Land.

Die Stimmung, die heute auf dem Aktionstag zu spüren war, lässt sich messen. In einer aktuellen Befragung der IG Metall wurden als größte Sorgen genannt: gestiegene Kosten für Lebenshaltung und Gesundheit sowie die Absicherung im Alter.

Über 40 Prozent der Erwachsenen schränken wegen solcher Sorgen bereits ihre Konsumausgaben ein. Das ist Gift für die ohnehin stotternde Konjunktur in Deutschland.

Wie es anders ginge?

IG Metall-Sozialvorstand Ralf Reinstädtler hat eine Antwort: „Wer Sicherheit im Wandel schaffen will, muss den Sozialstaat stärken. Zukunft entsteht nicht durch Sparprogramme. Zukunft entsteht durch Mut und Investitionen.“ Starke Schultern müssten endlich wieder mehr tragen. „Wir erwarten Reformen, die das Leben besser machen – und keinen sozialpolitischen Kahlschlag.“

Auf eine solche Politik hofft auch Metallerin Katharina Lenz, die heute mit ihren Kolleginnen in Frankfurt demonstriert hat.

Sie kann sich sicher sein: Das Zeichen, dass sie heute mit tausenden Kolleginnen und Kollegen gesetzt hat, war auch aus dem Kanzleramt nicht zu übersehen.

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