Autozulieferer suchen neue Geschäftsmodelle „Zulieferer sollten Potenziale außerhalb der Autoindustrie nutzen“

Wie Zulieferer ein neues Geschäftsmodell entwickeln können, erklärt Christoph Wecht im Interview. Der Universitätsprofessor hilft Betrieben bei diesem Prozess und weiß, warum sie dabei das bekannte Feld verlassen und sich in den Bereichen Wasserstoff, Energiespeicher und Recycling umschauen sollten.

Ralf Hafranke arbeitet an der Ziehmaschine mit Azubi Lukas Gottlieb bei KS Gleitlager in St.Leon Rot

29. März 2023 29. März 2023


Herr Professor Wecht, wie findet ein Zulieferer ein neues Geschäftsmodell? Geht man da am besten auf den OEM zu und fragt, was die künftig brauchen?

Das ist sicher der erste und einfachste Schritt. Zur Wahrheit gehört aber, dass der OEM nicht für jeden Zulieferer ein neues Produkt haben wird. Denn der elektrische Antriebsstrang besteht einfach aus weniger Teilen. Unterm Strich werden sich also einige Zulieferer ganz neu erfinden müssen, wenn sie nicht verschwinden wollen.

Neu erfinden heißt die Branche wechseln?

Genau. Es geht darum Potenziale auch über die Automobilindustrie hinaus zu identifizieren und zu nutzen.

Wie finde ich ein neues Produkt?

Zuerst geht es um eine Umfeldanalyse: Also das Erkennen von Chancen und Trends. Man schaut sich an, was es für Potenziale gibt, was andere Unternehmen machen und in welche Technologien und Märkte gerade investiert wird. Und das gleicht man dann mit einer internen Analyse ab. Also man fragt ab: Was können wir wirklich gut, was haben wir für Fähigkeiten, was haben wir für Maschinen, welche Materialien können wir bearbeiten?

Können Sie ein Beispiel nennen, wo ein Betrieb so ein komplett neues Produkt für sich gefunden hat.

Ein Beispiel wäre Schaidt Innovations. Die waren auf das Entertainment im Auto spezialisiert, als es noch Knöpfe und Drehschalter gab. Doch dann kamen die Touchscreens und ihre Produkte waren nicht mehr gefragt. Die IG Metall setzte sich damals stark für den Erhalt der Arbeitsplätze ein. So haben wir gemeinsam mit den Beschäftigten geschaut, was wir mit ihrem Know-how und den Maschinen sonst fertigen können. Heute stellen sie Ladestationen für E-Autos her. Es wurden damals nicht alle Arbeitsplätze erhalten, aber einige und mittlerweile sind es mehr Beschäftigte als vor dem Aus des alten Geschäftsmodells.  

Und wer hat dann bei Schaidt entschieden, dass jetzt Ladestationen die Zukunft sind?

Ein Team aus Beschäftigten und externen Ideengebern. Ich war damals mit Kolleginnen und Kollegen von der Uni St. Gallen dort, um den Innovationsprozess einzuleiten. Und der erste Schritt war eben dieses Team zu gründen.

Wie gründet man so ein Innovationsteam?

Wichtig bei der Auswahl der Beschäftigten ist, dass sie eine Offenheit für Neues, die Bereitschaft sich auf unbekanntes Terrain zu begeben und eine breite Abdeckung an unterschiedlichen Funktionen, Erfahrungen und Sichtweisen mitbringen. Externe Ideengeber können von Universitäten oder Beratungsunternehmen kommen.

Welche Rolle spielen dabei Betriebsräte und Vertrauensleute?

Betriebsräte und Vertrauensleute spielen eine ganz wichtige Rolle. Denn sie kennen die Beschäftigten und wissen wo ihr Know-how liegt. Auch können Betriebsräte und Vertrauensleute einen Ideenwettbewerb oder Workshops mit den Leuten ins Leben rufen, um neue Produkte zu finden.

Wo sind die Schwierigkeiten bei diesem Prozess?

Zulieferer müssen aktuell zwei Dinge gleichzeitig tun: Zum einen in ihrem bestehenden Geschäft weiter innovativ sein. Und zum anderen ein komplett neues Geschäftsmodell suchen. Oft ist das Problem, dass das Management entweder das eine kann oder das andere. Selten aber beides. Die meisten sind eben an die Spitze gekommen, weil sie gut darin waren, ihr bestehende Produkt zu verbessern. Jetzt braucht es aber Leute, die gut darin sind ganz neu zu denken und neu zu beginnen. Also einen Re-Start hinzulegen.

Was machen Betriebsräte, wenn sie merken, dass ihr Management den Prozess des Re-Starts nicht angeht?

Sensibilisieren und Kommunizieren. Helfen kann auch, wenn sie dem Management Beispiele von Unternehmen vorlegen, die neue Geschäftsmodelle und Produkte erfolgreiche gefunden haben. Am besten aber sind Beispiele aus dem eigenen Unternehmen.

Lassen Sie uns doch den ersten Schritt auf dem Weg zu einem neuen Geschäftsfeld für die Betriebe schonmal gehen. Sie nannten ihn „Umfeldanalyse“. Also: Was sind aktuell Trends und Märkte, die für unsere Zulieferer interessant sein können, die heute noch Verbrennerteile herstellen?

Der ganze Bereich Energie wird die nächsten Jahre weiter ein Megathema sein. Zum Beispiel das Thema Wasserstoff. Hier können die Betriebe prüfen, was braucht es bei den Elektrolyseanlagen, die den Wasserstoff herstellen, an Leitungen, Kompressoren, Ventilen, Pumpen. Aber genauso werden die Bereiche Energiespeichertechnologien und das Thema Recycling in den nächsten Jahren sehr wichtig werden.

Was ist mit Computerchips?

Das mit den Chips wird immer spezifischer. Da können immer weniger Unternehmen mithalten. Dazu kommt, dass es weit weg ist von dem, was Zulieferer heute machen. Sie haben meist ein ganz anderes Know-how und ganz andere Maschinen. Für die Halbleiterproduktion braucht es beispielsweise einen Reinraum, den haben die Zulieferer ja gar nicht.

Okay, da sind wir ja schon bei der „internen Analyse“ der eigenen Fähigkeiten. Wie gehe ich die an?

Da überlegt man sich, wo das Know-how liegt. Also: Wir können Metall bearbeiten, wir sind Experten in der Kaltverformung oder im Drehen oder Fräsen. Und dann schaut man, ob es in den Bereichen, die ich als Trend identifiziert habe, Produkte gibt, die so hergestellt werden. Es hilft auch die Maschinen anzuschauen und bis zu welcher Genauigkeit mit ihnen produziert werden kann. Aber klar ist: Die Maschinen können wir leichter ersetzen als die Leute mit ihren Erfahrungen.

Also sind die Beschäftigten und ihre Kenntnisse der eigentliche Innovationsvorteil?

Ja.

Und wenn ich dann etwas gefunden habe, was ich herstellen könnte, wie geht es dann weiter?

Dann geht es darum ein Geschäftsmodell zu entwickeln. Spätestens da ist es dann ratsam, sich Hilfe von außen zu suchen. In St. Gallen hatten wir für diesen Prozess zum Beispiel einen Geschäftsmodellnavigator. Da kann man sich von den Geschäftsmodellen von anderen Unternehmen anregen lassen.

Und dann baue ich also ein neues Geschäftsmodell auf?

Wichtig ist es mehrere Produktideen zu verfolgen. Denn die einzelne Erfolgswahrscheinlichkeit ist nicht hoch. Nicht aus jeder Idee wird etwas. So sollte man drei bis fünf Ideen verfolgen.

Und am Ende bleibt mir dann eine Idee übrig?

Genau.

Wie lange dauert der Prozess?

Man sollte mit sechs bis zwölf Monaten rechnen.  

Habe ich dann nach den zwölf Monaten auch schon einen Prototyp?

Man muss zwischendrin immer testen, ob man auf dem richtigen Weg ist. So sollte man im letzten Drittel auch mit Prototypen arbeiten, ja.  

Sollte man sich für die neuen Geschäftsmodelle Partner suchen? Die IG Metall hat sich stark für Transformationsnetzwerke eingesetzt. Die sind jetzt am Start und bringen Betriebe, Forschungseinrichtungen, Wirtschaftsförderer und Wirtschaftsverbände einer Region zusammen, damit die gemeinsam überlegen, welche Produkte und Qualifizierungen sie brauchen. Wie schätzen sie die Wichtigkeit von solchen Netzwerken ein?

Sehr hoch. Generell werden sich die Netzwerke und Ökosysteme verändern. Früher war es wie eine Nahrungskette, von Tier 1 bis Tier 3. Jeder hat den Druck weitergegeben. Jetzt wird es darum gehen, gemeinsam etwas zu entwickeln. Eine gute Innovationsplattform funktioniert wie ein Uhrwerk. Hier geht es darum zu schauen, welches Rädchen brauche ich noch, damit wir gemeinsam einen Mehrwert erschaffen. Wichtig wird sein, dass die Betriebe diese Möglichkeiten nutzen und nicht versuchen sich aus Gründen des Wettbewerbs alleine durchzusetzen. Mit dieser Strategie werden sie eher schlechte Karten haben.

Mehr zu „Transformation“
Illustration zeigt Auszubildende verschiedener IG Metall-Branchen.

Szenarienprozess in der Betriebsratsarbeit Mit Szenarien gut vorbereitet in eine ungewisse Zukunft

Die Transformation macht es für Betriebsräte notwendig, sich auf verschiedene mögliche Entwicklungspfade vorzubereiten. Die Arbeit mit Szenarien hilft dabei. Wir haben alles, was ihr dafür braucht.

Elektronische Leiterplattenproduktion

Halbleiter-Konferenz Gute Arbeit in der Digitalwirtschaft

Mikrochips werden immer wichtiger für die Industrie und die Halbleiter-Branche in Deutschland wächst. Die Bevollmächtigten von Dresden und Berlin, Stefan Ehly und Jan Otto, erklären, wozu es eine Halbleiter-Konferenz im Osten braucht und geben Einschätzungen zur Entwicklung der Halbleiter-Industrie.

Ein Elektroauto steht an einer Ladestation

Strukturwandel in der Autoindustrie Mobilitätswende: Durch drei Punkte wird sie sozialverträglich

Antriebswende unterstützen, Industriepolitik ausweiten und Weiterbildung fördern – an diesen Stellschrauben müssen Unternehmen wie Politik drehen, um die Mobilitätswende sozialverträglich zu gestalten. Das Bündnis sozialverträgliche Mobilitätswende weiß, in welche Richtung gedreht werden muss.

IT-Programmierer arbeiten am Desktop

Newsletter Transformation von Entwicklungstätigkeiten

Advanced Systems Engineering als gewerkschaftliche Gestaltungsaufgabe. Newsletter „Zukunft der Arbeit konkret 03“ September 2023

.

Automobilzulieferer Transformation in der Region mit Zukunftstarif und Politik angehen

Wie können wir Zukunft und gute Arbeit sichern - in einer ländlichen Region mit Autozulieferern? So macht es die IG Metall Bad Kreuznach: Zukunftstarifverträge durchsetzen, mitbestimmen bei der Strategie - und Transformationsnetzwerke mit Politik und Wissenschaft knüpfen.

Ein sharing desk mit Großbildschirm bei Voith in Heidenheim

Netzwerktreffen Industrie 4.0 Advanced Systems Engineering – aktuelles Forschungsprojekt und arbeitssoziologische Perspektive

Am 23. März 2023 fand das Netzwerktreffen Industrie 4.0 statt. Das Thema war "Advanced Systems Engineering". Wir dokumentieren die Vorträge der Tagung.

Agile Methoden und selbstbestimmtes Arbeiten: Das passt gut zusammen - wenn man es richtig angeht. Torsten Hartmann, Tobias Afsali und Sonja Szicher vom BMW-Betriebsrat achten darauf.

Agiles Arbeiten Was ist Scrum – und wie kann es funktionieren?

Agile Arbeitsformen wie Scrum ziehen in die Büros ein. Dort verändern sie die Arbeit der Beschäftigten in hohem Maße. Agiles Arbeiten kann attraktiv sein. Damit das möglich wird, müssen Betriebsräte ihre Mitbestimmungsrechte konsequent nutzen – und die Beschäftigten frühzeitig beteiligen.

Autos im Stau

Transformation im Mobilitätssektor Szenarien für die Mobilität der Zukunft

Mobilität muss bereits 2030 anders gedacht, konzipiert und gelebt werden als heute. Das steht für den BUND und die IG Metall fest. Metallerinnen und Metaller haben mit dem BUND dafür verschiedene Szenarien entwickelt.

25. April 2022: 24-Stunden-Warnstreik an allen Standorten. 1000 Beschäftigte kommen zur zentralen Streikversammlung und Demo in Leinefelde in Thüringen. Erste Bandabrisse beim Kunden Volvo.

Gut gemacht: Zukunftstarifvertrag bei Musashi Solidarisch erkämpft: Zukunft bei Zulieferer Musashi

20.000 wollte die Geschäftsführung jedem Beschäftigten wegnehmen - alle Sonderzahlungen, auch Urlaubs- und Weihnachtsgeld und T-ZUG - und drohte mit Insolvenz. Doch Beschäftigte und Betriebsräte rückten zusammen, stellten Gegenforderungen und erkämpften einen Zukunfts- und Sozialtarifvertrag.

Neues Gesetz kommt. Weiterbildung wird leichter.

Workshop-Reihe Berufliche Weiterbildung in der Praxis

Berufliche Weiterbildung ist in einer sich schnell und grundlegend verändernden Arbeitswelt von zentraler Bedeutung. Wie können die vielfach beschworenen Brücken in die Arbeitswelt von morgen aber konkret aussehen? Dazu werden wir vom 29. März bis 6. Juni 2022 vier Online-Workshops anbieten.

Zukunft der Arbeit

Netzwerktreffen Industrie 4.0 New Work – Best Practices und Zukunftsmodelle

Künstliche Intelligenz für KMU sowie new work in der Pandemie waren die Themen des Netzwerktreffens Industrie 4.0 am 13. April 2022. Wir dokumentieren die Materialien der Veranstaltung.

Zukunft der Industrie

Workshop zur Transformation Kompetenzen und Qualifizierung für die Transformation

Zweiter Workshop der Reihe „Berufliche Weiterbildung in der Praxis“: Welche Kompetenzen in den Betrieben werden mit Blick auf die ökologische Transformation der Industrie gefragt sein? Welche beruflichen Perspektiven entstehen und welche werden zukünftig gefragt Qualifizierungskonzepte sein?

Schwerpunktthemen

Wöchentlich „Aktuelles für Aktive“