Immer mehr Betriebe steigen in den Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft ein: Siemens Energy baut Elektrolyseure zur Herstellung von Wasserstoff, Airbus und MTU basteln am klimaneutralen Flugzeugen, Alstom und Siemens Mobility bringen Wasserstoffzüge auf die Schiene, bei Salzgitter Flachstahl stellen sie mit einer ersten Direktreduktionsanlage grünen Stahl her, Thyssenkrupp Steel will 2026 in die Produktion einsteigen.
„Für Deutschland ist Wasserstoff eine riesen Chance, Anlagen entlang der gesamten Wertschöpfungskette, von der Herstellung bis zur Nutzung des Wasserstoffs, zu exportieren. Dafür brauchen wir diese Anlagen aber hier vor Ort. Kunden wollen immer lokale laufende Anlagen sehen, bevor sie eine kaufen“, erklärt Prof. Dr. Jürgen Peterseim, Senior Manager Sustainability beim Beratungsunternehmen PwC.
Hochlauf muss schneller gehen als bislang angenommen
Um diese Chance zu nutzen, geht es nun um Geschwindigkeit, denn auch andere Volkswirtschaften haben das Potenzial erkannt und sind dabei, Europa und Deutschland zu überholen. Dabei erschwert die aktuelle Gasmangellage den Hochlauf in Europa. Denn die Option, übergangsweise Erdgas zur Herstellung von Wasserstoff zu nutzen, ist jetzt nicht mehr attraktiv. Aus beiden Punkten folgt: „Wasserstoff muss viel früher in deutlich größeren Mengen als gedacht zur Verfügung stehen“, sagt Jürgen Kerner, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall.
Betroffen ist dabei nicht nur die Grundstoffindustrie. Kerner betont: „Auch die Mobilitätsbranche mit ihren Nutzfahrzeugen, die Bahnindustrie, sowie Luft- und Schifffahrt sind auf Wasserstoff als Speichermedium und Antrieb angewiesen. Die benötigte Infrastruktur können unsere Maschinen- und Anlagenbauer liefern, sie haben das nötige Know-how. So sichern wir auch die nationale Wertschöpfungskette und die nötige Infrastruktur.“
So gelingt der Hochlauf
Was nun zu tun ist, haben die Experten der Hans Böckler Stiftung zusammengefasst und muss sich die Politik wie folgt ins Hausaufgabenheft schreiben:
- Größere Wasserstoffprojekte im Hinblick auf Erzeugung, Infrastruktur und Nutzung beim Endverbraucher müssen im Rahmen von „Important Project of Common European Interest“ in einem beschleunigten Verfahren gefördert werden.
- Der Ausbau der Transportinfrastruktur muss vorangetrieben werden. Dazu gehört auch die „H2-readyness“ von LNG-Terminals inklusive einer Anbindung ans Netz, sowie der weitere Ausbau des zukünftigen europäischen Wasserstoff-Pipelinenetz (European Hydrogen Backbone) muss nun schleunigst angegangen werden. Hier kommen beschleunigten Genehmigungsverfahren eine entscheidende Bedeutung zu.
- Die Verfügbarkeit von kostengünstigem grünem Strom ist entscheidend für die Gestehungskosten an Produktionsstandorten.
- Die Bereitstellungskosten in Deutschland hängen dann aber auch maßgeblich von Transportart- und Entfernung sowie der politischen Stabilität ab. Als Partner kommen somit aus Sicht der Experten vorwiegend Standorte in Südeuropa, Nordafrika und im mittleren Osten in Frage.
Zudem fordert die IG Metall die Politik auf, die geplante Elektrolysekapazität zur Erzeugung von Wasserstoff von 10 GW auf 15GW bis 2030 zu erhöhen und an Arbeitsplatzgarantien der Unternehmen als Bedingung für Förderprogramme zu knüpfen. So will die IG Metall verhindern, dass es beim Wasserstoff nur bei Pilotprojekten in Deutschland bleibt und die großen Anlagen dann woanders entstehen. Mit Blick auf die ersten entstehenden Direktreduktionsanlagen zur Herstellung von grünem Stahl in Deutschland sagt Kerner: „Wir haben 15 Hochöfen. Am Ende müssen wir alle umstellen.“
Workshops für die Betriebe
Auch in den Betrieben muss das Thema Wasserstoff strategisch vorangebracht werden. Dafür bietet die IG Metall Workshops an. Wer im Betrieb im Betriebsrat, mit dem Vertrauenskörper, anderen Aktiven und externen Experten diskutieren möchte, um Optionen auszuloten und Fahrpläne festzulegen, kann auf die Unterstützung der IG Metall setzen und wendet sich dazu bitte an: wasserstoff@igmetall.de