Die Tarifkommissionen für die Tarifrunde der nordwestdeutschen und ostdeutschen Stahlindustrie haben ihre Forderungsempfehlung beschlossen: Sie empfehlen jeweils eine Erhöhung der Löhne und Gehälter um 5 Prozent bei einer Laufzeit von 12 Monaten. Darüber hinaus sollen die Ausbildungsvergütungen an das Niveau der Metall- und Elektroindustrie angeglichen werden. Die Tarifverträge „Einsatz von Werkverträgen“ und „Beschäftigungssicherung“ sollen verlängert werden. Über die endgültige Forderung entscheidet der Vorstand der IG Metall am 9. November.
Die IG Metall begründet ihre Forderung mit den weiterhin hohen Belastungen der Beschäftigten durch gestiegene Lebenshaltungskosten und verweist zugleich auf erste Anzeichen einer wirtschaftlichen Erholung. „Die Beschäftigten haben in den vergangenen Jahren enorme Belastungen getragen“, sagt der Verhandlungsführer für die nordwestdeutsche Stahlindustrie, Knut Giesler. Gleichzeitig zeigten sich „erste Anzeichen einer wirtschaftlichen Erholung“. Auch Jan Otto, Bezirksleiter der IG Metall Berlin-Brandenburg-Sachsen, verweist auf die gestiegene Inflation und betont: „Die Beschäftigten brauchen nach den massiven Preissteigerungen eine deutliche Erhöhung ihrer monatlichen Entgelte.“ Zudem müsse der Stahl „wieder attraktiver werden für junge Leute“ und dürfe bei den Ausbildungsvergütungen „nicht länger hinter der Metall- und Elektroindustrie zurückbleiben“.
Neben den Entgelterhöhungen strebt die IG Metall die Verlängerung tariflicher Regelungen unter anderem zur Beschäftigungssicherung und zum Einsatz von Werkverträgen an. Die Tarifverhandlungen beginnen Mitte Dezember, die Friedenspflicht endet am 31. Dezember 2026.
So sehen die Arbeitgeber die Lage
Die Vorzeichen haben sich seit der vergangenen Tarifrunde geändert: Die Stahlindustrie steht weiterhin unter Druck, aber gleichzeitig zeichnet sich eine wirtschaftliche Erholung ab. Die Produktion steigt wieder, die Auftragseingänge nehmen zu und viele Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Wachstumsprognosen für 2026 nach oben korrigiert. Im ersten Quartal legten die Auftragseingänge der Stahlindustrie um 4,2 Prozent zu, die Produktion um 3,7 Prozent. Von Januar bis August lag die Rohstahlerzeugung 6,3 Prozent über dem Vorjahresniveau.
Für IG Metall-Tarifexperte Uwe Fink ist die Entwicklung ein wichtiges Signal. Die Unternehmen könnten nicht einerseits auf bessere Auftragslagen und steigende Produktion verweisen und andererseits so tun, als habe sich an der wirtschaftlichen Situation nichts verändert. Die Beschäftigten hätten die schwierigen Jahre mitgetragen und erwarteten nun zu Recht ihren Anteil an der Verbesserung.
Die Arbeitgeber betonen aktuell vor allem die schwierigen Rahmenbedingungen für die Branche. Dazu gehören hohe Energiekosten, die schwache Industriekonjunktur in Deutschland und der internationale Wettbewerb.
Besonders häufig wird auf den Druck durch Stahlimporte verwiesen. Für Fink greift diese Erklärung allerdings zu kurz. „Importdruck ist ein Faktor. Aber es ist eben nur ein Faktor.“ Die Herausforderungen der Branche hätten unterschiedliche Ursachen und ließen sich nicht auf einzelne Wettbewerber im Ausland reduzieren.
So sieht es wirklich in den Betrieben aus
Die eigentlichen Probleme der Stahlindustrie liegen aus seiner Sicht vor allem in der schwachen Nachfrage wichtiger Abnehmerbranchen, die wiederum aus der gesunkenen Kaufkraft der Endverbraucher resultiert. Wenn Automobilindustrie, Maschinenbau und andere industrielle Kernbereiche weniger investieren und produzieren, schlägt das unmittelbar auf die Stahlproduktion durch.
Hinzu kommen strukturelle Standortprobleme. Hohe Energiekosten, eine lange Zeit schwache Industriekonjunktur und zurückhaltende Investitionen hätten die Branche belastet. Deshalb greife die Vorstellung zu kurz, die Probleme seien vor allem auf chinesische Stahlimporte zurückzuführen. Auch Branchenverbände nennen neben dem internationalen Wettbewerb insbesondere die Energiekosten und die verhaltene Nachfrage als zentrale Belastungsfaktoren.
Wie sich die wirtschaftliche Entwicklung in den Betrieben niederschlägt, zeigt ein Blick in die Werke. Bei Ilsenburger Grobblech setzt man auf Zukunftsinvestitionen. Über 200 Millionen Euro sind dort in eine neue Wärmebehandlungslinie für hochwertige Spezialstähle geflossen. „Unsere Antwort auf den Wettbewerbsdruck kann nicht sein, immer günstiger zu werden“, sagt Mike Schneevoigt, Mitglied der Verhandlungskommission. Die Zukunft liege in hochwertigen Produkten und perspektivisch auch in klimafreundlich produziertem Stahl.
Die Tarifrunde wird kein Selbstläufer
Bei ArcelorMittal Bremen zeigt sich eine andere Facette. „Wir sind voll ausgelastet“, sagt Betriebsrat und Tarifkommissionsmitglied Mike Böhlken. Doch gleichzeitig bleibe die wirtschaftliche Lage angespannt, weil die Verkaufspreise nicht in gleichem Maße stiegen. Der Konzern investiert dennoch in den Standort, modernisiert bestehende Anlagen und bereitet sich auf den weiteren Umbau der Stahlproduktion vor. In den Betrieben wächst die Erwartung, dass sich die positiven Entwicklungen auch bei den Beschäftigten bemerkbar machen.
„Die Kolleginnen und Kollegen sehen, dass wieder mehr produziert wird“, sagt Uwe Fink. Was die Durchsetzung angeht, warnt Mike Böhlken allerdings davor, die Tarifrunde zu unterschätzen. „Wer Prozente fordert, muss auch bereit sein, dafür auf die Straße zu gehen. Kein Arbeitgeber wird in dieser Situation freiwillig sein Portemonnaie aufmachen.“ Die wirtschaftlichen Signale zeigen wieder nach oben. Deshalb ist für die Beschäftigten klar: Die Erholung muss sich auch auf dem Lohn- und Gehaltszettel bemerkbar machen. Genau darum wird es in den kommenden Wochen gehen.