Nach der Aufsichtsratssitzung bei VW ist klar: Der Kampf geht weiter. „Wir haben dem Vorstand einen Strich durch die Rechnung gemacht. Aber wir sind noch lange nicht am Ziel“, sagt Christiane Benner, Erste Vorsitzende der IG Metall. Nachdem seit Wochen der Plan des VW-Vorstands, vier Werke zu schließen, durch die Presse geisterte, konnte Anfang September die Arbeitnehmerseite gemeinsam mit dem Land Niedersachsen die Eskalation im Aufsichtsrat abwenden und den Weg für eine tragfähige Lösung ebnen. „Die Einigung ist ein Kompromiss, bei dem der Vorstand und die Kapitalseite an etlichen Stellen weit von ihren Maximalforderungen abrücken mussten. Die Arbeitnehmerseite hat durchgesetzt, bei den zentralen Themen Stellenabbau und Zukunft der Werke nicht vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden. Im Gegenteil: Hier gibt es keinerlei Vorfestlegungen und wir werden eng kontrollieren, ob der Vorstand um Oliver Blume seinen Job macht“, betont Daniela Cavallo, Konzernbetriebsratsvorsitzende der Volkswagen AG. (Alle Details zu der Einigung im Aufsichtsrat findet ihr hier.)
Klar ist aber auch: „Jetzt geht es ans Eingemachte“, sagt Christiane Benner und verdeutlicht: „Die eigentliche Auseinandersetzung um die Zukunft von Standorten, Beschäftigung und Investitionen ist längst in vollem Gange. Darum: Macht mit beim Automobil-Aktionstag am 21. September, denn Zusammenhalt ist unsere stärkste Marke!“
Bundesweite Proteste im VW-Konzern
Gegen Werksschließungen und Job-Kahlschlag haben IG Metall-Vertrauensleute und -Betriebsräte bereits am 9. Juli an allen Standorten des Volkswagenkonzerns in ganz Deutschland eindrucksvoll Flagge gezeigt. Die Aktionen bei der Kernmarke Volkswagen, bei Audi, Porsche, MAN, CARIAD und weiteren Unternehmen liefen unter dem Motto: „Vereint für unsere Zukunft kämpfen alle Belegschaften im VW-Konzern.“ Am 21. September werden auch die Beschäftigten ein deutliches Zeichen setzen – über Werke, Zulieferer und Hersteller hinweg, entlang der gesamten Lieferkette.
„Zehntausende Kolleginnen und Kollegen bei uns haben Angst um ihre Zukunft. Für sie reiht sich mit Blick in die Medien seit Wochen eine Negativ-Schlagzeile an die andere“, erklärte Daniela Cavallo bereits am 9. Juli in Wolfsburg und forderte den Konzernvorstand auf, endlich mal mit guter eigener Arbeit dafür zu sorgen, dass die Öffentlichkeit Volkswagen als Antrieb für die Mobilität der Zukunft begreift und nicht als Totengräber für die eigenen Standorte.
Aktionstag bei VW in Wolfsburg unter dem Motto: „Vereint für unsere Zukunft kämpfen alle Belegschaften im VW-Konzern“
Die Wut und Verunsicherung ist groß bei den Beschäftigten
„Im ganzen Land haben die Kolleginnen und Kollegen die klare Ansage gemacht: So nicht!“, sagte Christiane Benner zu den VW-Protesten Anfang Juli. Benner betonte: „Die Kolleginnen und Kollegen haben geackert, sie haben Zugeständnisse gemacht. Statt sich diese Leistung zum Vorbild zu nehmen, konfrontiert der Vorstand die Beschäftigten mit neuen Abbauplänen. Die Wut und Verunsicherung, die dadurch entsteht, ist verständlicherweise groß. Es braucht neue Ideen und Konzepte, wie die Werke ausgelastet werden, sinnvolle Überlegungen des Unternehmens.“
„Es gibt klügere Lösungen als Werksschließungen“, weiß Thorsten Gröger. Der Bezirksleiter der IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt erklärt: „Wir pochen auf die Einhaltung von Investitionszusagen, innovative Produkte, die besten Modelle am Markt, weniger Bürokratie in Entscheidungsprozessen und echte Synergien im Konzern. Keine unnötigen Doppelstrukturen, sondern eine kluge Nutzung der gemeinsamen Stärke. Alles andere ist für Gröger inakzeptabel: "Wir werden uns mit aller Kraft gegen jeden Angriff auf die Mitbestimmung, die Belegschaften des Volkswagen-Konzerns und unsere Werke wehren.“
Das sieht man auch im Süden Deutschlands so: „Beschäftigte sind kein Kostenfaktor, den man beliebig streichen kann. Sie haben den Erfolg von Volkswagen und Audi erarbeitet und das Unternehmen auch in Krisenzeiten getragen“, sagt Jörg Schlagbauer, Vorsitzender des Audi-Gesamtbetriebsrats, und betont: „Wer immer neue Sparprogramme auflegt, darf die Geduld der Belegschaften nicht überschätzen.“
Die Geduld der Beschäftigten des VW-Konzerns hat ein Ende. In Emden waren bereits eine Woche vor den Protestaktionen am 9. Juli 4000 Metallerinnen und Metaller auf der Straße – gleichzeitig mit den Beschäftigten von Mercedes-Benz.
33.000 Beschäftigte von Mercedes-Benz zogen vors Tor
Um ein deutliches Zeichen zu setzen, sind über 33.000 Beschäftigte von Mercedes-Benz vor die Werkstore ihrer Standorte gezogen. „Hallo Management: So läuft es nicht! Während Aktionäre mehr als ordentlich profitieren, sollen die Beschäftigten ihre vertraglich festgeschriebenen Rechte opfern? Sicher nicht!“, betonte Christiane Benner, die zu den Beschäftigten am Standort Düsseldorf gereist war.
Bei Mercedes-Benz soll kräftig gespart werden – auf Kosten der Beschäftigten. Die Unternehmenslenker finden, dass die Beschäftigten fünf Stunden die Woche mehr arbeiten sollten, ohne dafür einen Cent mehr Geld zu bekommen. Zeitgleich verschieben sie die Auszahlung des im Juli anstehenden Trafobausteins auf April nächsten Jahres – mit dem Vorbehalt, die Zahlung ganz zu streichen.
„Das Vorgehen des Unternehmens verunsichert und demotiviert viele Kolleginnen und Kollegen massiv. Statt Perspektiven für Standorte und Beschäftigung zu schaffen, wird Druck aufgebaut“, kritisierte Ergun Lümali, Gesamtbetriebsratsvorsitzender, vor dem Werkstor 7 in Sindelfingen.
Beschäftigte sind keine Verfügungsmasse
Sparprogramme, Stellenabbau, Verlagerungen, Werkschließungen: In ganz Deutschland sorgen die Entscheider der Automobilhersteller und Zulieferer für schlechte Nachrichten. 50.000 Arbeitsplätze haben sie vergangenes Jahr in der Automobilindustrie abgebaut – und es wird so weiterlaufen, wenn es nach ihnen geht. Aber eines vergessen sie: Die Beschäftigten sind nicht schuld an der Misere. Das machte der Gesamtbetriebsrat von Mercedes-Benz bereits vor einer Woche deutlich. In einer Presseinformation betonte er: „Die Ursachen der aktuellen Herausforderungen liegen nicht bei den Beschäftigten. Weder die Entwicklung in China, geopolitische Spannungen noch steigende Energiepreise wurden von ihnen verursacht.“
In Rastatt, vor dem Tor 6, kritisierte Barbara Resch, Leiterin der IG Metall Bezirk Baden-Württemberg, das Vorgehen des Konzerns mit dem Stern deutlich: „Mercedes zeigt gerade eindrucksvoll, wie man es nicht macht. Denn wer glaubt, die Zukunft der Industrie lasse sich durch längere Arbeitszeiten, Kürzungen bei Sonderzahlungen und Druck auf die Beschäftigten sichern, irrt gewaltig! Die 35-Stunden-Woche ist kein Auslaufmodell, gute Tarifverträge sind kein Standortnachteil, und Beschäftigte sind keine Verfügungsmasse. Mit der tariflichen Zukunftssicherung sind die Mercedes-Beschäftigten längst in Vorleistung gegangen – jetzt muss das Management liefern.“
Christiane Benner, Erste Vorsitzende der IG Metall, in Düsseldorf beim Automobil-Aktionstag
IG Metall wird Unternehmenslenkern heißen Sommer und Herbst bescheren
Es ist Zeit, dass die Entscheider der Automobilindustrie endlich Verantwortung übernehmen und echte Zukunftsstrategien entwickeln, statt Traditionsunternehmen mit Sparprogrammen in die Bedeutungslosigkeit zu führen. „Wer Wettbewerbsfähigkeit sichern will, muss in starke Produkte, moderne Technologien und die deutschen Standorte investieren. Zukunft entsteht durch Innovation, kluge Strategie und die Einbindung der Beschäftigten. Genau das fordern wir vom Vorstand“, betont Ergun Lümali, Gesamtbetriebsratsvorsitzender Mercedes-Benz.
Die Beschäftigten der Automobilindustrie sind es leid, dass planlose Vorstandsvorsitzende ihre Zukunft verspielen – gemeinsam mit der IG Metall wehren sie sich gegen den Kahlschlag. Den Anfang machten die Beschäftigten von Mercedes-Benz. In ganz Deutschland gingen sie auf die Straße: in Kuppenheim, Rastatt, Sindelfingen, Untertürkheim, Bremen, Berlin, Düsseldorf, Ludwigsfelde und Germersheim. Es ist der Auftakt. Die IG Metall und die Beschäftigten der Hersteller und Zulieferer werden den Unternehmenslenkern der Autoindustrie einen heißen Sommer und Herbst bescheren, solange sie weiter auf Arbeitsplatzabbau und Verlagerung setzen, statt echte Problemlösungen zu suchen.
Bundesweiter Aktionstag am 21. September
Am 21. September wird die IG Metall ganztägig und bundesweit Aktionen und Proteste an den deutschen Automobilstandorten veranstalten. Die Gewerkschaft ruft daher alle Beschäftigten der Zulieferer- und Automobilindustrie auf, sich zu beteiligen.
Christiane Benner, Erste Vorsitzende der IG Metall, betonte bereits Anfang Juli bei den Protesten der Mercedes-Benz-Beschäftigten, worum es den Beschäftigten geht: „Der Schlüssel für eine starke Autoindustrie liegt in Investitionen in zukunftsfeste Produkte, Standorte und Beschäftigte. Auch von der Politik fordern wir ein klares Signal: Der industrielle Kern dieses Landes darf nicht ausgehöhlt werden. Wir brauchen eine aktive Industriepolitik, die Transformation absichert – mit Investitionen, klaren Standortzusagen und guten Jobs. Renditeinteressen dürfen nicht über die Zukunftsfähigkeit ganzer Standorte gestellt werden.“