Beschäftigte und IG Metall haben nach fast vier Wochen Streik einen Sozialtarifvertrag Kelvion Brazed PHE GmbH in Nobitz-Wilchwitz (Thüringen) erzwungen. Mit über 80 Prozent stimmten die rund 230 IG-Metall-Mitglieder im Betrieb für den Sozialtarif, den das Management nach Verhandlungen anbot: Abfindungen von bis zu 1,5 Monatsentgelten je Beschäftigungsjahr für Beschäftigte bis 59 Jahren (danach linear sinkend), eine Transfergesellschaft mit Aufstockung und Qualifizierungsbudget, eine Aufstockung des Streikgelds, sowie den Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen bis zum 31. Dezember 2026.
Seit dem 4. August waren die 230 IG-Metall-Mitglieder bei Kelvion in Wilchwitz im Streik. Bis Ende des Jahres will die Geschäftsleitung die Produktion von Wärmetauschern verlagern – nicht in ein Billiglohnland, sondern in den Westen, nach Sarstedt in Niedersachsen.
„Wir haben mit dem ersten unbefristeten Streik in Ostthüringen seit 35 Jahren einen historischen gewerkschaftlichen Erfolg erzielt. Es ist uns mit Entschlossenheit und Geschlossenheit gelungen, ein Management zu zwingen, Verantwortung für eine mehr als fragwürdige Werksschließung zu übernehmen“, erklärt Streikleiter Tom Knedlhanz von der IG Metall Gera. „Dass die Kolleginnen und Kollegen über Wochen jedem Druck standgehalten haben, zeigt eindrucksvoll, welche Kraft in unseren Kolleginnen und Kollegen steckt, die dieses Werk seit Jahrzehnten stark machen. Hier zeigt sich unsere Arbeitermacht. Unsere Botschaft lautet: Kämpfen lohnt sich!“
Mit dem nun erreichten Sozialtarifvertrag ist nun auch der Weg frei für eine zumindest teilweise Übernahme durch einen industriellen Investor. Die Gespräche laufen.
Fragwürdige Verlagerung kam völlig überraschend
Am 8. Mai hatte die Kelvion-Geschäftsleitung den Beschäftigten die Verlagerung und Schließung verkündet, an einem Freitag, ohne jede Begründung. Aus Sicht der Beschäftigten macht die Verlagerung in den Westen gar keinen Sinn. Das Werk in Wilchwitz ist profitabel und hat volle Auftragsbücher. Ihre Plattenwärmtauscher werden in Wärmepumpen, Klimaanlagen, Windräder und sogar Rechenzentren verbaut - „Zukunftsprodukte made in Germany“, wie die Beschäftigten hier sagen. Zudem sind die Löhne in Sarstadt/Niedersachsen höher - mitunter wirbt das Management mit einem Lohnzuwachs von 25 Prozent.
Die Verlagerung selbst verhindern können IG Metall und Beschäftigte nicht. Nach deutscher Rechtsprechung unterliegen Standortentscheidungen der unternehmerischen Freiheit. Es ist jedoch möglich, einen Sozialtarifvertrag zur Abmilderung der Folgen der Verlagerung für die Beschäftigten zu fordern und durchzusetzen.
100 Prozent für Streik – bundesweite Solidarität
Nach der Verkündung der Verlagerungspläne im Mai hatte die betriebliche Tarifkommission der IG Metall bei Kelvion vier Mal mit der Geschäftsleitung verhandelt - ohne Ergebnis. Nachdem auch der sechste Warnstreik die Geschäftsleitung nicht zum Einlenken brachten, stimmten am 3. August 100 Prozent der IG Metall-Mitglieder im Betrieb (93 Prozent der Belegschaft) in der Urabstimmung für Streik.
Bundesweit wuchs die Solidarität mit den Streikenden. Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow (Linke) kam zu Besuch, um sie zu unterstützen, ebenso wie die thüringische Arbeitsministerin Katharina Schenk (SPD). Auch Beschäftigte an anderen Kelvion-Standorten standen hinter ihnen. Die Beschäftigten von Kelvion Machine Cooling Systems aus Monzingen etwa demonstrierten im Rahmen einer Betriebsversammlung ihre Solidarität vor dem Werk. Auch die Beschäftigten im Stammwerk im niedersächsischen Sarstedt, wohin die Produktion verlagert werden soll, reagierten mit Unverständnis auf die Verlagerungspläne.
„Was bei Kelvion vor sich geht, ist von bundesweiter Bedeutung“, betonte die Erste Vorsitzende der IG Metall, Christiane Benner, bei ihrem Besuch bei den Streikenden in Wilchwitz. „Wir dürfen eine Deindustrialisierung wie in den 1990er-Jahren nicht hinnehmen.“
Weitere Infos, Fotos, Videos und Hintergründe gibt es bei der IG Metall Gera-Jena-Saalfeld.
Zum Laden dieses Videos müssen Sie die YouTube Cookies aktivieren und stimmen somit der Datenschutzerklärungvon YouTube zu.