Stuttgart. Leichte Zeichen der Erholung, aber keine Entwarnung: Die wirtschaftliche Lage in den baden-württembergischen Industriebetrieben hellt sich vorsichtig auf. Das zeigt die aktuelle Betriebsrätebefragung der IG Metall Baden-Württemberg, an der sich Betriebsratsvorsitzende aus 418 Betrieben beteiligt haben. Umsätze, Kapazitätsauslastung, Auftragsbestände und Auftragseingänge werden tendenziell besser bewertet. Gleichzeitig beurteilen knapp 45 Prozent der Betriebsräte die Aussichten für die kommenden drei bis sechs Monate als schlecht oder sehr schlecht.
Investitionen bleiben hinter den Herausforderungen zurück
Besonders kritisch bleibt die Investitionssituation. 56 Prozent bewerten die Investitionen im Betrieb als schlecht oder sehr schlecht. 57 Prozent halten sie für unzureichend, um die anstehenden Herausforderungen wie Digitalisierung, klimagerechten Umbau und neue Produktionstechnologien zu bewältigen. Nur rund ein gutes Drittel sieht die Investitionen als angemessen an.
Barbara Resch, Bezirksleiterin der IG Metall Baden-Württemberg: „Die vorsichtige Aufhellung ist ein wichtiges Signal, aber kein Grund zur Entwarnung. Die Unternehmen müssen die Stabilisierung jetzt nutzen, um in Produkte, Beschäftigung und zukunftsfähige Standorte zu investieren, statt den Personalabbau fortzusetzen.“
In 33 Prozent der Betriebe geht die Zahl der Beschäftigten in der Stammbelegschaft zurück, nur 20 Prozent melden einen Aufbau. Auch die Ausbildung entwickelt sich negativ: In 45 Prozent der Betriebe sinkt die Zahl der Auszubildenden. Lediglich 4 Prozent verzeichnen einen Zuwachs.
Fehlende Strategien bremsen die Transformation, KI-Potenziale bleiben ungenutzt
Gleichzeitig bleibt der Transformationsdruck hoch. Mehr als 90 Prozent der Betriebsräte sehen einen erhöhten Anpassungsdruck auf die Geschäftsmodelle. Eine überzeugende Transformationsstrategie erkennen jedoch nur knapp 50 Prozent zumindest teilweise, 42 Prozent sehen eine solche Strategie nicht.
Auch bei der künstlichen Intelligenz bleiben Chancen ungenutzt. Fast 50 Prozent der Betriebsräte berichten, dass KI bislang nicht oder kaum eingesetzt wird. Wo sie zum Einsatz kommt, beobachten drei Viertel der Befragten eine Erleichterung der Arbeit. Zugleich berichten 38 Prozent von einem eher beschäftigungsabbauenden Effekt.
Resch sagt: „Transformation und KI dürfen nicht zu Synonymen für Arbeitsplatzabbau werden. Sie brauchen Investitionen, Qualifizierung und echte Mitbestimmung. Die Beschäftigten müssen wissen, wie sich die Veränderungen auf ihre Arbeit und ihre Zukunft auswirken.“
Mit Blick auf die anstehende Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie betont Resch: „Wer in der aktuellen Phase der Unsicherheit auf Entgeltverzicht setzt, würgt den Motor ab, bevor er warmgelaufen ist. Die leichte Aufhellung in den Betrieben bleibt fragil, solange nicht gezielt in die Zukunft investiert wird. Wir fordern eine Kehrtwende: Investitionen in Abläufe, Verfahren und Produkte statt Sparprogramme beim Personal. Unsere Tarifforderung ist dabei der notwendige Stabilisator, um die Kaufkraft zu erhalten und den Aufschwung über eine starke Binnennachfrage nachhaltig abzusichern.“
Zur Befragung
Mit ihrer Betriebsrätebefragung befragt die IG Metall halbjährlich Betriebsräte aus Betrieben ihrer Branchen (Metall-Elektro-Industrie, Stahl, Handwerk, Textile Branchen etc.). An der aktuellen Befragung im Zeitraum vom 27. Juli bis zum 16. September 2026 beteiligten sich 418 baden-württembergische Betriebe.