Stuttgart. Die IG Metall Baden-Württemberg kritisiert die Pläne der Bundesregierung zur Einschränkung der Altersteilzeit und zur Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren scharf. Damit werden die Lasten der Transformation einseitig auf die Beschäftigten verlagert und bewährte Instrumente für einen sozialverträglichen Wandel geschwächt.
Barbara Resch, Bezirksleiterin der IG Metall Baden-Württemberg, erklärt: „Wir sind für Reformen, aber für strukturelle Reformen, die das System gerechter finanzieren, nicht für Kürzungen, die einseitig die Beschäftigten treffen. Die Kolleginnen und Kollegen tragen seit Jahren den Umbau der Industrie. Ihnen ausgerechnet jetzt Sicherheit und Perspektiven zu nehmen, ist die falsche Antwort zur falschen Zeit.“
Kritik an Eingriffen bei der Rente nach 45 Beitragsjahren
Besonders kritisch bewertet die IG Metall Baden-Württemberg die geplante Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Versicherungsjahren. Für viele Beschäftigte sei dies ein Bruch mit einem zentralen Versprechen des Sozialstaats.
Barbara Resch sagt dazu: „Wer 45 Jahre lang Beiträge gezahlt hat, hat seinen Teil des gesellschaftlichen Vertrags erfüllt. Wenn kurz vor dem Renteneintritt an den Regeln gedreht wird, wird eine Lebensleistung nachträglich entwertet. Das empfinden viele Betroffene zu Recht als Vertragsbruch – zumal es vor allem diejenigen trifft, die früh angefangen haben und jahrzehntelang körperlich gearbeitet haben: die Facharbeiterin in der Produktion, den Schichtarbeiter im Werk, nicht diejenigen mit langen Ausbildungs- und Studienzeiten.“
Altersteilzeit im Blockmodell ist Schlüssel für den sozialverträglichen Umbau
Ebenso deutlich weist die IG Metall Baden-Württemberg die Pläne zur Abschaffung der Altersteilzeit im Blockmodell zurück. Gerade in der Transformation der Industrie sei sie eines der wichtigsten Instrumente, um notwendige Anpassungen sozialverträglich zu gestalten.
Resch betont: „Die Altersteilzeit im Blockmodell ist das sozialste Werkzeug, das wir im industriellen Umbau haben. Sie ermöglicht Personalanpassungen ohne betriebsbedingte Kündigungen, geordnet, planbar und im Konsens mit den Beschäftigten. Wer dieses Instrument abschafft, riskiert deutlich härtere Einschnitte.“ Zugleich eröffne die Altersteilzeit Perspektiven für Jüngere. „Der geregelte Ausstieg älterer Kolleginnen und Kollegen schafft Chancen für die Übernahme von Ausgebildeten, neue Qualifikationen und den Einstieg der nächsten Generation in die Betriebe“, so Resch.
Blitzumfrage: Altersteilzeit im Blockmodell ist gelebte Praxis - knapp 14.000 Altersteilzeitverträge
Um die Bedeutung der Altersteilzeit im Blockmodell in der Praxis zu belegen, hat die IG Metall Baden-Württemberg eine nicht repräsentative Blitzumfrage unter Betriebsräten großer Industrieunternehmen gestartet. Befragt wurden unter anderem die Betriebsräte von Bosch, Daimler Truck, Liebherr Hydraulikbagger, Mahle und ZF.
Die Rückmeldungen zeichnen ein klares Bild: In den ausgewerteten Betrieben und Konzernen kommen zusammen knapp 14.000 Altersteilzeitverträge zusammen. Nach Angaben der Betriebsräte werden davon nahezu 100 Prozent im Blockmodell umgesetzt.
Barbara Resch: „Unsere Blitzumfrage zeigt schwarz auf weiß, wie stark die Betriebe auf das Blockmodell setzen. Wer hier den Rotstift ansetzt, trifft nicht irgendein Nischeninstrument, sondern den gelebten Alltag der Menschen in den Werkshallen und Büros.“
Falsches Signal in einer Zeit tiefgreifender Veränderungen
Die IG Metall Baden-Württemberg hält die geplanten Einschnitte auch wirtschafts- und industriepolitisch für widersprüchlich. Barbara Resch erklärt: „Man kann nicht Transformation fordern und zugleich die Instrumente abschaffen, die sie sozialverträglich machen. Man nimmt uns das sozialste Instrument, das wir haben, ausgerechnet in dem Moment weg, in dem wir es am dringendsten brauchen.“
Das Argument, das Blockmodell ziehe Fachkräfte vorzeitig aus dem Arbeitsmarkt, greife zu kurz. In vielen von der Transformation betroffenen Industriebereichen gehe es derzeit nicht um Fachkräftemangel, sondern um die sozialverträgliche Anpassung von Personalstrukturen. „Die Altersteilzeit hilft dabei, diesen Wandel geordnet zu steuern. Wer sie abschafft, verlagert Belastungen in Langzeiterkrankungen oder Erwerbsminderung“, so Resch.
IG Metall Baden-Württemberg fordert: Blockmodell erhalten, Rente nach 45 Jahren sichern
Die IG Metall Baden-Württemberg fordert die Bundesregierung auf, die geplanten Kürzungen zu stoppen. Barbara Resch: „Unsere Forderung ist klar: Die Altersteilzeit im Blockmodell muss erhalten bleiben, das Zugangsalter darf nicht steigen und die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren muss gesichert werden. Statt Kürzungen bei Rente, Kranken- und Pflegeversicherung brauchen wir verlässliche Rahmenbedingungen, starke Tarifverträge und Instrumente, die sichere Übergänge organisieren und Platz für die nächste Generation schaffen. Nur so lassen sich Transformation, Fachkräftesicherung und soziale Sicherheit zusammenbringen.“
Hinweis zur Blitzumfrage:
Die IG Metall Baden-Württemberg hat Betriebsräte in ausgewählten baden-württembergischen Betrieben sowie in Konzernen mit großen Standorten im Land befragt. Die nicht repräsentative Erhebung beruht auf Rückmeldungen der Betriebsräte. Ein Teil der Angaben liegt konzernweit vor und kann nicht auf einzelne Bundesländer heruntergebrochen werden. Die Zahlen beziehen sich je nach Betrieb auf aktuelle Bestände oder auf durchschnittliche Jahreszahlen.