Arbeitszeit Warum länger arbeiten nichts bringt - sondern sogar schadet

Die deutsche Metall- und Elektroindustrie ist in der Krise und baut Arbeitsplätze ab. Die Arbeitgeber fordern: Wir sollen wieder länger arbeiten, am besten unbezahlt, die 35-Stunden-Woche soll weg, dann würde alles gut. Aber bringt das wirklich was?

Beschäftigter arbeitet an einem Getriebe in einer Fabrik

31. August 2026 31. August 2026


Die 35-Stunden-Woche soll weg. Sie wollen zurück zur 40-Stunden-Woche, fürs gleiche Geld. Die Forderung nach längeren und unbezahlten Arbeitszeiten wird von Arbeitgebern immer wieder reflexhaft als Antwort auf wirtschaftliche Herausforderungen vorgetragen. Die Fakten sprechen dagegen.


Arbeitsplätze: Wenn alle länger arbeiten, kostet das Jobs

Wenn Beschäftigte für das gleiche Geld mehr arbeiten, sinkt der Bedarf an Personal. Längere Arbeitszeiten bedeuten daher oft: Arbeitsplatzabbau durch die Hintertür. Kürzere Arbeitszeiten jedoch können Arbeitsplätze sichern.

Aktuell wollen Arbeitgeber die Arbeitszeit verlängern, etwa von 35 auf 40 Stunden in der Woche, bei gleicher Bezahlung - wegen der Krise, sagen sie. Doch wenn in Betrieben, die nicht ausgelastet sind, die Beschäftigten auch noch länger arbeiten würden, dann würde ein großer Teil der Belegschaft überflüssig. Tatsächlich müssen bei zu wenig Arbeit die Arbeitszeiten verkürzt werden, damit alle genug Arbeit haben.

Nicht länger – sondern kürzer arbeiten sichert Arbeitsplätze. Die IG Metall beweist das in hunderten Betrieben, in denen die Arbeitszeit reduziert wurde, etwa nach den Tarifverträgen zur Beschäftigungssicherung, aber auch mit anderen tariflichen Instrumenten. 

„Gleichzeitig Arbeitsplätze abzubauen und längere Arbeitszeiten zu fordern, ist ein absoluter Widerspruch", meint etwa der Gesamtbetriebsratsvorsitzenden des Autozulieferers ZF. "An vielen ZF-Standorten wird die Arbeitszeit bereits reduziert und die Beschäftigten mussten verpflichtend freie Tage (T-ZUG) nehmen. Die aktuellen Herausforderungen lösen wir ja nicht, wenn plötzlich alle 40 Stunden arbeiten. Im Gegenteil. Wir mussten die Arbeitszeit senken – und haben damit im Prinzip Stunden statt Menschen abgebaut.“

Auch internationale Studien belegen, dass kürzer arbeiten Arbeitsplätze sichert. Die OECD kommt für 19 Länder in der Krise 2008/09 zu dem Ergebnis, dass Kurzarbeitsprogramme entscheidend Arbeitsplätze erhalten haben, besonders in Deutschland. Auch in der Corona-Pandemie wurden durch kürzere Arbeitszeiten laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) Arbeitsplätze gesichert.

Gesundheit: Längere Arbeitszeiten verursachen mehr Arbeitsunfälle und Krankheiten

Längere Arbeitszeiten bedeuten mehr Belastung, mehr Stress und mehr Krankheitsfälle. Die Folgen der Krise lasten schwer auf den Schultern der Beschäftigten. Beeinflussbare, kürzere Arbeitszeiten schützen die eigene Gesundheit.

Arbeitsmedizinisch ist längst erwiesen, dass lange und zu lange Arbeitszeiten die Gesundheit gefährden. Mit längeren Arbeitszeiten nehmen nicht nur Fehler, sondern auch Arbeitsunfälle zu. „Mehr als 40 Stunden Arbeit pro Woche geht mit einem Sicherheitsrisiko einher“, sagt die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV). Und: „Wer mehr als acht Stunden am Tag arbeitet, lebt gefährlicher“. Das Unfallrisiko steigt ab der achten Arbeitsstunde exponentiell an. In der neunten Arbeitsstunde ist das Risiko eines Arbeitsunfalls bereits um 30 Prozent höher als in den acht Stunden zuvor, in der zehnten Arbeitsstunde um 60 Prozent und in der zwölften Arbeitsstunde sogar um 110 Prozent.

Zudem steigt auch das Risiko für Erkrankungen mit Dauer der Wochenarbeitszeit deutlich an, insbesondere weil Körper und Psyche weniger Zeit zur Erholung haben. Das zeigen Studien der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Überlange Arbeitszeiten sind mit einer Vielzahl von gesundheitlichen Beeinträchtigungen verbunden. Erschöpfung und Schlafstörungen treten ebenso vermehrt auf wie stressbedingte Erkrankungen, Herz-Kreislauf- und Stoffwechselkrankheiten.

Produktivität: Wer kürzer arbeitet, leistet mehr pro Stunde

Deutschland ist eines der produktivsten Länder der Welt. Laut OECD etwa liegt Deutschland hier unter den Top-10 weltweit. Industriebeschäftigte in Deutschland produzieren deutlich mehr pro Stunde als in anderen Ländern.

Das liegt auch an den kürzeren Arbeitszeiten. Internationale Studien zeigen: Umso länger die Arbeitszeit, umso geringer ist die Produktivität. Eine Studie der Stanford University (USA) etwa kommt zum Ergebnis, dass der Output pro Stunde bereits ab der sechsten Arbeitsstunde pro Tag sinkt. Dazu kommt, dass mit zunehmender Arbeitszeit auch die Fehlerquote deutlich steigt.

Deutsche arbeiten mehr als je zuvor – kürzer arbeiten mobilisiert mehr Arbeitskräfte

Fakt ist: Wir arbeiten so viel wie nie zuvor. 2025 leisteten Erwerbstätige in Deutschland 61,26 Milliarden Arbeitsstunden, rund 5 Milliarden mehr als 20 Jahre zuvor. Zwar ist die Arbeitszeit je Erwerbstätigen leicht gesunken – doch arbeitet heute ein viel höherer Anteil der Bevölkerung als früher: 46 Millionen im Jahr 2025 gegenüber 39 Millionen 2005. Das ist insbesondere auf die höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen zurückzuführen.

Wenn wir mehr Arbeitskräfte mobilisieren wollen, wäre hier der bessere Ansatz: Der Ausbau der Kinderbetreuung und vor allem flexible Arbeitszeiten ermöglichen es mehr Frauen, einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Die IG Metall hat in der Metall-Tarifrunde 2018 die verkürzte Vollzeit und die Option auf Wandel des tariflichen Zusatzgelds in bis zu acht freie Tage durchgesetzt.


Weitere Hintergründe in unseren Mythen zur Arbeitszeit

Motivation und Attraktivität: mehr Fachkräfte mit kürzeren Arbeitszeiten

Betriebe mit kürzeren Arbeitszeiten sind attraktiver für Fachkräfte, die Arbeit und Leben vereinbaren wollen, etwa um Kinder zu betreuen oder Angehörige zu pflegen.

Vollzeitbeschäftigte wünschen sich nicht längere, sondern kürzere Arbeitszeiten. Das zeigt eine Befragung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Für über die Hälfte sind 35 Stunden die Wunscharbeitszeit.

Tatsächlich werben Unternehmen sogar Fachkräfte mit kürzeren, tariflichen Arbeitszeiten – etwa Betriebe in der ostdeutschen Metall- und Elektroindustrie, die auf tariflicher Basis die Arbeitszeit von 38 auf 35 Stunden in der Woche verkürzen.

Innovation: Mehr gute Ideen durch Freiräume und Erholung

Innovationen und Ideen entstehen nicht durch längere Arbeitstage und mehr Belastung. Mit kürzeren Arbeitszeiten fördern wir Innovation.

In Betrieben, in denen Beschäftigte mit ihrer Expertise und ihren Ideen Prozesse verbessern und neue Produkte an die Kunden bringen, läuft es besser. 



Tarifliche Arbeitszeit verteidigen

Mehr Stunden sind keine Lösung. Wir wollen Arbeitsplätze sichern und die Gesundheit schützen.

Die 35-Stunden-Woche steht seit Jahrzehnten im Westen und seit 2021 zunehmend im Osten für gute Arbeit, hohe Produktivität und wirtschaftlichen Erfolg. Wir haben die 35-Stunden-Woche mit Streiks erkämpft. Diese Errungenschaft verteidigen wir.

„Wir haben die 35-Stunden-Woche lange und hart durchgekämpft, um Arbeitsplätze zu sichern", erklärt Nadine Boguslawski, Tarifvorständin der IG Metall.  „Wer die 35 Stunden angreift, will im Endeffekt nur Löhne kürzen. Angriffe auf die Entgelte und Arbeitszeiten der Beschäftigten sind Nebelkerzen, die vom eigenen Versagen bei den Zukunftsprodukten ablenken. Ein Billiger-Wettbewerb ist keine nachhaltige Strategie. Die Konjunktur krankt nicht an zu kurzen Arbeitszeiten, sondern an zu wenig Kaufkraft der Beschäftigten sowie Innovationskraft und mangelnder Standorttreue der Unternehmen. Längere Arbeitszeiten bei zu wenig Arbeit bedeuten nur mehr Arbeitslosigkeit. Wer das ernsthaft fordert, provoziert eine gewaltige Protestwelle der Beschäftigten.“

Wer Fachkräfte will, muss ihnen Arbeitszeiten bieten, die zu ihrem Leben passen, um Kinder zu betreuen, Angehörige zu pflegen oder ihre Gesundheit zu erhalten. Die Mehrheit wünscht sich Arbeitszeiten um 35 Stunden in der Woche - oder weniger.

Alle Ergebnisse der DGB-Befragung

„Wir haben die 35-Stunden-Woche lange und hart durchgekämpft, um Arbeitsplätze zu sichern", erklärt Nadine Boguslawski, Tarifvorständin der IG Metall.  „Wer die 35 Stunden angreift, will im Endeffekt nur Löhne kürzen, statt sich den unternehmerischen Herausforderungen zu stellen. Ein Billiger-Wettbewerb ist keine nachhaltige Strategie. Die Konjunktur krankt nicht an zu kurzen Arbeitszeiten, sondern an zu wenig Kaufkraft der Beschäftigten sowie Innovationskraft und mangelnder Standorttreue der Unternehmen. Längere Arbeitszeiten bei zu wenig Arbeit bedeuten nur mehr Arbeitslosigkeit. Wer das ernsthaft fordert, provoziert eine gewaltige Protestwelle der Beschäftigten.“

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