Berufseinstieg Der Ausbildungsmarkt im Realitätscheck: Fünf Thesen zum Ausbildungsstart

Die Ausbildung gilt als Erfolgsmodell. Doch weniger Ausbildungsplätze, finanzielle Sorgen vieler Azubis und Millionen junge Menschen ohne Berufsabschluss zeigen: Auf dem Ausbildungsmarkt läuft nicht alles rund. Fünf Thesen zum Ausbildungsstart 2026.

Junge Auszubildende in der technischen Berufsausbildung werden von älteren Trainer auf CNC-Drehmaschinen Maschinen unterrichtet

12. August 2026 12. August 2026


Im August und September beginnt für rund 500.000 junge Menschen in Deutschland ein neuer Lebensabschnitt: Sie starten in ihre Ausbildung. Wie viele Auszubildende es in diesem Jahr genau sein werden, zeigen die offiziellen Zahlen erst im Herbst. Fest steht jedoch schon jetzt, dass die Zahl der Ausbildungsanfängerinnen und Ausbildungsanfänger zuletzt rückläufig war.

Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt hat sich 2025 weiter verschärft: Bundesweit wurden laut DeStatis rund 461.800 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen – das waren 2,8 Prozent weniger als im Vorjahr. Gleichzeitig blieb die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen hoch.

Dabei ist Ausbildung in Deutschland ein hohes Gut. Das duale Ausbildungssystem mit der Verbindung von Lernen im Betrieb und Unterricht in der Berufsschule sichert seit Jahrzehnten die Qualifizierung von Fachkräften. Zugleich gilt dieses Modell international als Besonderheit und Vorbild, weil es Praxisnähe, hohe Qualitätsstandards und gute Übergänge in Beschäftigung miteinander verbindet – Standards, für die Gewerkschaften über Tarifverträge und Mitbestimmung seit Jahrzehnten kämpfen.


Beliebteste Ausbildungsberufe nach Ausbildungsqualität

Das Erfolgsmodell Ausbildung ist jedoch keineswegs selbstverständlich. Damit es auch künftig Fachkräfte sichert und jungen Menschen gute Perspektiven eröffnet, müssen die aktuellen Herausforderungen ernst genommen werden. Fünf Thesen zur Lage der Ausbildung zum Ausbildungsstart 2026.


1. Der Fachkräftemangel ist auch ein Ausbildungsmangel.

Wer über fehlende Fachkräfte klagt, darf keine Ausbildungsplätze kürzen und darf nicht hinnehmen, dass Millionen junge Menschen keinen Berufsabschluss haben. Beides ist jedoch der Fall: Obwohl die Nachfrage an Ausbildungsplätzen im vergangenen Jahr gestiegen ist, sank laut der BIBB-Ausbildungsanalyse die Zahl an Ausbildungsstellen.

Die Schwierigkeiten auf dem Ausbildungsmarkt lassen sich dabei nicht mit fehlendem Interesse der Jugendlichen erklären. Nach Daten der Bundesagentur für Arbeit und des BIBB blieben 2025 rund 54.400 Ausbildungsplätze unbesetzt, gleichzeitig suchten rund 84.400 junge Menschen vergeblich nach einem Ausbildungsplatz. Die Herausforderung besteht also nicht nur darin, mehr auszubilden, sondern Ausbildungsplätze und Bewerberinnen und Bewerber besser zusammenzubringen.

Gleichzeitig bleibt ein enormes Fachkräftepotenzial ungenutzt: Rund 2,9 Millionen junge Erwachsene in Deutschland verfügen über keinen Berufsabschluss. Während Unternehmen über fehlende Fachkräfte klagen, gelingt es dem Ausbildungssystem noch immer nicht, allen jungen Menschen den Weg in eine qualifizierte Berufsausbildung zu eröffnen. Wer keinen Berufsabschluss hat, trägt ein höheres Risiko, arbeitslos zu werden, hat schlechtere Karriereperspektiven und erhält im Alter häufig weniger Rente.

2. Eine Ausbildung darf kein Armutsrisiko sein.

Eine Ausbildung eröffnet Chancen auf einen qualifizierten Beruf und ein selbstständiges Leben. Für viele Auszubildende ist die finanzielle Realität jedoch eine andere: 62,8 Prozent geben an, von ihrer Ausbildungsvergütung nicht eigenständig leben zu können. Fast ein Drittel ist laut dem DGB-Ausbildungsreport 2025 auf die Unterstützung der Eltern angewiesen, jede*r Achte jobbt zusätzlich neben der Ausbildung. Im Durchschnitt sind die jungen Beschäftigten zu Beginn ihrer Ausbildung 20 Jahre alt – umso wichtiger wird es, nicht mehr davon abhängig zu sein, bei den Eltern zu wohnen. Doch häufig ist genau das der Fall.

Wie groß der Unterschied zwischen tarifgebundener und nicht tarifgebundener Ausbildung sein kann, zeigt eine aktuelle Auswertung des WSI-Tarifarchivs. Während Auszubildende in der Metall- und Elektroindustrie in Baden-Württemberg bereits im ersten Ausbildungsjahr tariflich 1.304 Euro monatlich erhalten, liegt die gesetzliche Mindestausbildungsvergütung bei lediglich 724 Euro. Rund 45 Prozent der Auszubildenden absolvieren ihre Ausbildung in Betrieben ohne Tarifvertrag (WSI-Tarifarchiv 2026).  Tarifverträge sorgen damit nicht nur für bessere Einkommen, sondern stärken auch die Attraktivität der Ausbildung insgesamt.

3. Ausbildung ist beliebt, die Hürden aber häufig zu hoch.

Das Interesse an einer Berufsausbildung ist groß, doch viele junge Menschen stoßen auf Hürden bei Orientierung, Bewerbung und Finanzierung.

Die duale Ausbildung bleibt für junge Menschen ein beliebter Bildungsweg nach der Schule. Laut der Jugendbefragung „Ausbildungsperspektiven 2025“ der Bertelsmann Stiftung wollen 43 Prozent der Schülerinnen und Schüler eine Ausbildung machen. Weitere 45 Prozent sind noch unentschlossen.

Gleichzeitig fühlen sich viele Jugendliche auf dem Weg in die Ausbildung nicht ausreichend unterstützt. Nur ein Drittel der Befragten gibt an, bei der Berufsorientierung gut informiert zu sein. Mehr als die Hälfte sagt dagegen, dass es zwar genügend Informationen gebe, man sich darin aber nur schwer zurechtfinde.

Auch bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz zeigen sich Defizite. Laut DGB-Ausbildungsreport waren Familie und Freundeskreis für knapp die Hälfte der Auszubildenden die wichtigste Unterstützung. Die Angebote der Arbeitsagenturen und die schulische Berufsorientierung spielten dagegen eine deutlich geringere Rolle.

Hinzu kommen finanzielle Hürden: Für viele junge Menschen ist eine Ausbildung mit der Sorge verbunden, ob die Vergütung zum Leben reicht. Ein zu geringes Azubi-Gehalt zählt laut Bertelsmann-Studie zu den wichtigsten Gründen, die gegen eine Ausbildung sprechen.

4. Wo Tarif und Mitbestimmung gilt, ist Ausbildung besser.

Industriemechaniker*innen und Mechatroniker*innen gehören laut DGB-Ausbildungsreport 2025 erneut zu den Berufen mit der höchsten Ausbildungsqualität. Beide Berufe gehören zu den klassischen Branchen der IG Metall und das ist kein Zufall: Gute Ausbildung entsteht dort, wo Tarifverträge, Mitbestimmung und engagierte Jugend- und Auszubildendenvertretungen für verlässliche Standards sorgen.

Große Betriebe, in denen häufig Betriebsräte sowie Jugend- und Auszubildendenvertretungen bestehen, schneiden im DGB-Ausbildungsreport regelmäßig besser ab. Sie achten darauf, dass Ausbildungspläne eingehalten und gesetzliche Vorgaben umgesetzt werden.

Zu guten Ausbildungsbedingungen gehören auch gute Vergütungen. Während die gesetzliche Mindestausbildungsvergütung im ersten Ausbildungsjahr bei 724 Euro liegt, erhalten Auszubildende in der Metall- und Elektroindustrie tariflich bereits 1.304 Euro in Baden-Württemberg beziehungsweise 1.272 Euro in Sachsen. Tarifverträge schaffen damit bessere finanzielle Bedingungen und machen Ausbildung attraktiver.

5. Die Zukunft der Industrie beginnt auch in der Ausbildung.

Ob neue Antriebstechnologien, Digitalisierung oder klimafreundliche Produktion: Die Fachkräfte, die diese Herausforderungen künftig bewältigen sollen, werden heute ausgebildet. Der BIBB-Datenreport 2025 unterstreicht die zentrale Bedeutung der beruflichen Bildung für die Fachkräftesicherung und die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft.

Umso alarmierender ist der Blick auf die Entwicklung in wichtigen Industrieberufen. In den Berufen Industriemechaniker*in, Konstruktionsmechaniker*in, Werkzeugmechanike*rin, Zerspanungsmechaniker*in und Mechatroniker*in sank das Angebot an Ausbildungsplätzen 2025 um 8,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf 28.758. (Quelle: IG Metall, eigene Berechnungen auf Basis von BIBB-Daten)

Ausbildung ist deshalb weit mehr als Nachwuchsförderung. Sie ist eine Investition in die Zukunft von Unternehmen und den Industriestandort Deutschland. Wer heute bei der Ausbildung spart, verschärft die Fachkräfteprobleme von morgen. Angesichts von rund 2,9 Millionen jungen Erwachsenen zwischen 20 und 34 Jahren ohne Berufsabschluss kann Deutschland sich das schlichtweg nicht leisten.

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