Schweres Heben, Tragen oder Stemmen, Arbeiten in ungünstiger Körperhaltung, aber auch unter hohem Zeitdruck oder mit permanenter Unterbrechung: Noch immer ist der Arbeitsalltag von vielen Industriebeschäftigten von Belastungen und zunehmenden Stress geprägt – wie sehr, zeigt eine aktuelle Auswertung des DGB-Index Gute Arbeit.
Grundlage der Auswertung sind repräsentative Beschäftigtenbefragungen aus den Jahren 2023 bis 2025. Untersucht wurden vier Berufsgruppen der Metall- und Elektroindustrie. Analysiert wurden fünf Belastungsfaktoren, die für eine gesundheitsgerechte Arbeitsgestaltung besonders relevant sind: körperlich schwere Arbeit, ungünstige Körperhaltungen, Lärm, häufige Störungen und Unterbrechungen sowie Zeitdruck.
Körperliche Belastungen weiter hoch
Die Ergebnisse der Auswertung zeigen klar: Körperliche Belastungen prägen auch heute noch die Arbeit vieler Beschäftigter in der Metall- und Elektroindustrie. Gleichzeitig wird deutlich, dass Belastungen selten isoliert auftreten. Die Arbeitsbedingungen sind für viele Beschäftigte vielmehr durch Mehrfachbelastungen sowohl körperlicher als auch psychischer Art charakterisiert. In den vier Produktionsberufen sind 68 Prozent der Befragten bei ihrer Arbeit mindestens zwei der betrachteten fünf Belastungsfaktoren ausgesetzt. Besonders häufig treten körperliche Anforderungen gemeinsam mit Zeitdruck auf.
IG Metall-Sozialvorstand Ralf Reinstädtler sagt: „Wer Angst um seinen Job hat, täglich unter Zeitdruck arbeitet, ständig unterbrochen wird und körperliche Verschleißarbeit leistet, läuft Gefahr, krank zu werden. Das ist keine individuelle Schwäche, sondern das Ergebnis von Arbeitsbedingungen, die viele Menschen an ihre physischen und psychischen Grenzen bringen.“
Die Folgen sind erheblich: Je mehr Belastungen berichtet werden, das zeigen die Zahlen, desto pessimistischer schätzen die Betroffenen ihre zukünftige Arbeitsfähigkeit ein. Konkret: 78 Prozent aller Befragten mit einzig einem Belastungsfaktor gehen davon aus, ihre Arbeit bis zur Rente ausüben zu können. Bei fünf Belastungsfaktoren erwarten nur noch 18 Prozent, bis zur Rente durchhalten zu können.
Arbeiten trotz Krankheit
Zudem zeigt die Auswertung, dass stark belastete Beschäftigte häufiger trotz Krankheit arbeiten. So berichtet jeweils etwa die Hälfte der Beschäftigten aus den vier Berufsgruppen, trotz Krankheit gearbeitet zu haben. Dabei gilt: Mit zunehmender Zahl der Belastungen steigt auch die Wahrscheinlichkeit, krank zur Arbeit zu gehen.
Krank zu arbeiten – in der Fachsprache „Präsentismus“ genannt – ist für die Betroffenen mit großen Risiken verbunden: Krankheiten können verschleppt werden, der Gesundheitszustand kann sich verschlechtern. Gleichzeitig entstehen Risiken für Betriebe und Belegschaften: Präsentismus erhöht das Risiko von Fehlern und Unfällen bei der Arbeit. Bei übertragbaren Erkrankungen kann er zu mehr und längeren Arbeitsunfähigkeitszeiten in der Belegschaft führen.
Für Ralf Reinstädler ist klar: „Statt Beschäftigte unter Generalverdacht zu stellen, müssen wir endlich über die Ursachen von Krankenständen sprechen. Die Verantwortung liegt nicht bei den Beschäftigten, sondern bei den Arbeitgebern. Die Unternehmen kommen ihrer gesetzlichen Pflicht zum Gesundheitsschutz zu wenig nach.“
Arbeitsbedingungen auf den Prüfstand
Die dokumentierten Belastungen sind in allen vier untersuchten Berufsgruppen verbreitet. Sie zeigen aber unterschiedliche Schwerpunkte.
Besonders oft treten ungünstige Körperhaltungen auf. 58 Prozent in der Berufsgruppe Maschinen- und Fahrzeugtechnik und 54 Prozent der Gruppe Metallerzeugung und -bearbeitung müssen bei ihrer Tätigkeit sehr häufig oder oft eine ungünstige Körperhaltung einnehmen.
Lärm und laute Umgebungsgeräusche kennzeichnen die Arbeit vor allem in den Berufsgruppen Metallerzeugung und -bearbeitung (68 Prozent der Befragten geben hier „sehr häufig“ beziehungsweise „oft“ an) und Maschinen- und Fahrzeugtechnik. Hier sind es insgesamt 63 Prozent.
Arbeitsstress durch Störungen und Unterbrechungen tritt am häufigsten in der Gruppe Technische Entwicklung, Konstruktion, Produktionssteuerung auf (bei 68 Prozent der Befragten ist dies sehr häufig oder oft). In Berufen der Maschinen- und Fahrzeugtechnik berichten 56 Prozent von Störungen und Unterbrechungen bei der Arbeit.
Psychische Belastung durch Arbeiten unter Zeitdruck ist für die Hälfte der Beschäftigten in der Berufsgruppe Technische Entwicklung (sehr) häufig der Fall. Im Bereich Maschinen -und Fahrzeugtechnik berichten 46 Prozent, in der Gruppe Metallerzeugung 34 Prozent von Zeitdruck.
„Je mehr Belastungen, desto größer ist die Gefahr von Langzeiterkrankungen mit ihrer überdurchschnittlich hohen Zahl an Ausfalltagen. Um das zu ändern, müssen Arbeitsbedingungen, Unternehmenskulturen und Strategiedefizite in jedem Betrieb auf den Prüfstand“, betont Reinstädtler.