Pressemitteilung 16/2026
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Barbara Resch fordert Investitionen, klare Industriepolitik und Absicherung der Beschäftigten
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Scharfe Kritik an sozialem Kahlschlag, Standortabbau und rechten Scheinlösungen
Sindelfingen. Die IG Metall Baden-Württemberg fordert zum 1. Mai klare industriepolitische Antworten auf die Krise der Industrie. Bei der Kundgebung in Sindelfingen machte Barbara Resch, Bezirksleiterin der IG Metall Baden-Württemberg, deutlich: Die Beschäftigten im Südwesten seien nicht das Problem, sondern die Grundlage für Wohlstand, Innovation und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
„Es gibt Orte in diesem Land, da wird viel über die Zukunft geredet. Und es gibt Orte, da wird sie gebaut. Sindelfingen ist so ein Ort“, sagte Resch mit Blick auf die Beschäftigten bei Mercedes-Benz, den Zulieferern und Dienstleistern der Region. „Hier wird nicht über Mobilität philosophiert – hier wird sie in Blech, Software und Präzision gegossen. Die Beschäftigten bauen die besten Autos der Welt, weil sie das Wissen, die Erfahrung und den Stolz auf ihre Arbeit haben.“
Resch kritisierte scharf, dass viele Unternehmen in der Krise vor allem auf Kostensenkung, Stellenabbau und Verlagerung setzten. Die Lage in der Industrie sei ernst. Aber wer jetzt nur über angeblich zu hohe Kosten jammere, mache es sich zu einfach. „Wir sehen Investitionsarmut, Digitalisierungsstau und Modernisierungsblockaden. Zu viele Manager verwalten den Rückzug, statt mit Mut, Ehrgeiz und klarer Strategie ein neues Kapitel Industriegeschichte in Baden-Württemberg zu schreiben.“
Die Transformation der Automobilindustrie bezeichnete Resch als „Operation am offenen Herzen – bei voller Fahrt auf der Autobahn“. Die Beschäftigten hielten heute die Produktion am Laufen und erwirtschafteten die Mittel, die für die Zukunft der Elektromobilität gebraucht würden. „Wir haben keine Angst vor der Zukunft. Aber wir haben eine verdammt große Wut auf Vorstände, die keine Vision haben“, sagte Resch. „Diese Transformation ist keine Generalprobe. Wir brauchen jetzt schnelle, gute Entscheidungen – und kein Zögern mehr.“
Besonders deutlich wandte sich Resch gegen die Vorstellung, Industrie sei ein beliebiger Wirtschaftszweig unter vielen. „Industrie ist nicht einfach systemrelevant. Industrie ist das System“, sagte sie. „Wenn in den Hallen in Sindelfingen das Licht ausgeht, dann wird es in der ganzen Kommune dunkel. Wer die Industrie opfert oder ihr beim Schrumpfen zusieht, der gefährdet den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Baden-Württemberg.“
Mit Blick auf aktuelle Debatten über längere Lebensarbeitszeiten, Einschnitte bei Sozialleistungen und Angriffe auf Arbeitnehmerrechte sprach Resch von „sozialem Kahlschlag“. Wer Beschäftigte krank zur Arbeit dränge, die Rente immer weiter nach hinten schieben oder soziale Sicherheiten schleifen wolle, habe den Kontakt zur Realität in den Betrieben verloren. Das sei kein Rettungsplan, das sei ein Angriff auf Würde und Lebensleistung. „Kein selbstbezahlter Zahnersatz verkauft ein einziges Auto mehr. Solche Debatten lenken nur davon ab, dass andere bei Strategie, Investitionen und Innovation geschlafen haben,“ betonte die Gewerkschaftschefin weiter.
Die IG Metall Baden-Württemberg bekräftigte zugleich ihre Bereitschaft zu Kooperation – allerdings nicht um jeden Preis. „Wir strecken die Hand aus. Aber Maßnahmen müssen den Standorten helfen und sie dürfen nicht einseitig zulasten der Beschäftigten gehen“, sagte Resch. „Keine Opfer nur bei den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, während Boni und Dividenden weiter sprudeln.“
Resch forderte von Politik und Arbeitgebern ein klares industriepolitisches Umsteuern. Notwendig seien ein wirksamer Industriestrompreis, massive Investitionen in Infrastruktur, Planungsbeschleunigung, Qualifizierung und eine faire Handelspolitik. „Wir brauchen keinen Protektionismus, aber Gerechtigkeit auf dem Weltmarkt. Es kann nicht sein, dass wir unter höchsten Standards produzieren, während andere unsere Märkte mit Dumping-Produkten fluten. Der beste Zeitpunkt für ein Umsteuern wäre gestern gewesen – der zweitbeste ist heute.“
Deutliche Worte fand Resch auch für rechtspopulistische Kräfte. Die Unzufriedenheit vieler Beschäftigter sei real und habe mit politischer Mutlosigkeit der vergangenen Jahre zu tun. „Aber wer mit dem aktuellen Busfahrer unzufrieden ist, steigt doch nicht in einen Geisterfahrer-Bus um“, sagte Resch. Die AfD habe keine Antwort auf Transformation, Energiepreise, Standortpolitik oder Beschäftigungssicherung. „Nostalgie ist keine Strategie. Abschottung, EU-Austritt und Angriffe auf Tarifverträge retten keinen einzigen Arbeitsplatz. Wer glaubt, man könne so die Industrie retten, glaubt auch, man könne einen Motorschaden reparieren, indem man Sand in den Tank schüttet.“
Die IG Metall werde niemals mit Kräften zusammenarbeiten, die Arbeitnehmerrechte, Tarifverträge und Mitbestimmung schwächen wollten. „Solidarität ist für uns kein Schimpfwort, sondern die Grundlage unserer Arbeit. Wir werden nicht zulassen, dass rechte Scharlatane den berechtigten Zorn der Beschäftigten für ihre eigene Machtgier missbrauchen“, so Resch.
Mit Blick auf die kommende Tarifrunde kündigte Resch eine klare Haltung der IG Metall an. „Manche glauben, sie könnten im Windschatten der Krise mit einfachen Tricks durchkommen. Die täuschen sich gewaltig“, sagte Resch. „Wir sind konstruktiv, aber wir sind nicht zahm. Im Gegenteil: Wenn der Wind rauer wird, schließen wir die Reihen. Wir kämpfen für unsere Jobs, unsere Familien und unsere Würde. Denn die Zukunft braucht Menschen und die Menschen brauchen eine Zukunft.“