Pressemitteilung 15/2026
Stuttgart. Die IG Metall Baden-Württemberg warnt vor einer beschleunigten Deindustrialisierung im Südwesten und fordert von den Koalitionspartnern in den startenden Verhandlungen eine klare industriepolitische Gesamtstrategie. Anlass ist das Sondierungspapier vom 14. April, das aus Sicht der Gewerkschaft zwar richtige Signale sendet, aber entscheidende Lücken lässt.
„Wir sehen in immer mehr Betrieben das gleiche Muster: Produkte laufen aus, Investitionen gehen ins Ausland, Standorte geraten unter Druck. Das ist keine Momentaufnahme mehr – das ist eine strukturelle Gefahr für unseren Industriestandort“, sagt Bezirksleiterin Barbara Resch. „Wenn jetzt nicht gehandelt wird, droht Baden-Württemberg schleichend an industrieller Substanz zu verlieren.“
Die IG Metall unterstütze ausdrücklich die im Sondierungspapier formulierte Priorität für Industrie, Wachstum und Beschäftigung. Fordert jedoch konkrete Maßnahmen statt reinen Absichtserklärungen.
Sofortprogramm gegen Deindustrialisierung gefordert
Zentral ist aus Sicht der Gewerkschaft ein industriepolitisches Sofortprogramm direkt nach Regierungsbildung: mit klaren Zielen, verbindlichem Zeitplan und ausreichender finanzieller Ausstattung.
„Mutige Politik braucht mehr als Überschriften – sie braucht konkrete Instrumente. Wir erwarten ein Sofortprogramm, das Investitionen sichert, Beschäftigung stabilisiert und Transformation aktiv gestaltet“, so Resch.
Dazu gehören unter anderem:
- ein umfassender Zukunftsfonds von mindestens 500 Millionen Euro jährlich, insbesondere für mittelständische Industrieunternehmen,
- eine zentrale „One-Stop-Agency“ zur schnellen Umsetzung von Industrieprojekten,
- regionale Transformationspläne für besonders betroffene Industrieregionen.
Schlüsselindustrien stärken – Wertschöpfung im Land halten
Die IG Metall Baden-Württemberg fordert zudem eine gezielte Stärkung zentraler Branchen wie Automobilindustrie, Zulieferer und Maschinenbau. Baden-Württemberg müsse nicht nur technologisch führend bleiben, sondern Innovation auch im eigenen Land industrialisieren.
„Es reicht nicht, wenn wir Spitzenforschung haben – wir müssen daraus auch Produkte, Wertschöpfung und gute Arbeitsplätze hier vor Ort machen“, betont Resch.
Konkret fordert die IG Metall Baden-Württemberg unter anderem:
- den massiven Ausbau von Lade- und Wasserstoffinfrastruktur mit verbindlichen Zielen,
- eine Initiative für Batteriezellproduktion „Made in Baden-Württemberg“,
- eine stärkere Bündelung von KI-Kompetenzen mit Fokus auf industrielle Anwendung („Industrial AI“),
- sowie eine eigenständige Landesagentur für den Maschinenbau.
Klare Regeln im globalen Wettbewerb
Angesichts des internationalen Wettbewerbs mit China und den USA spricht sich die Gewerkschaft im Südwesten für neue industrie- und handelspolitische Leitplanken aus.
„Wir stehen im globalen Wettbewerb mit Staaten, die ihre Industrie massiv schützen und fördern. Europa und Baden-Württemberg dürfen hier nicht naiv sein“, so Resch. „Wir brauchen klare Regeln für mehr lokale Wertschöpfung und eine aktive Industriepolitik.“
Beschäftigte in den Mittelpunkt stellen
Ein zentrales Defizit sieht die IG Metall im Bereich Qualifizierung und Beschäftigungssicherung. Die Transformation könne nur gelingen, wenn sie aktiv begleitet werde.
Jetzt brauche es dringend eine breit angelegte Weiterbildungsinitiative für alle Beschäftigten, verbindliche Qualifizierungsbausteine bei geförderten Investitionen, sowie neue Instrumente für den Jobwechsel innerhalb und zwischen Branchen.
Forderung an Koalition: Starke Industriepolitik
Für die laufenden Koalitionsverhandlungen formuliert die IG Metall klare Erwartungen:
- ein eigenständiges industriepolitisches Kapitel im Koalitionsvertrag,
- eine Roadmap „IndustrieLÄND Baden-Württemberg 2035“ mit messbaren Zielen,
- sowie eine verbindliche Einbindung von Sozialpartnern und Betriebsräten.
„Die nächsten Wochen entscheiden darüber, ob Baden-Württemberg Industrieland bleibt oder schleichend an Substanz verliert“, warnt Resch. „Wir stehen bereit für eine konstruktive Partnerschaft – aber klar ist auch: Ein ‚Weiter so‘ darf es nicht geben.“