Pressemitteilung 04/2026 Chinesische LKW-Hersteller drängen nach Europa

IG Metall warnt vor massiven Risiken für Industrie und Beschäftigung in Baden-Württemberg

27. Januar 2026 27. Januar 2026


Pressemitteilung 04/2026



  • Fraunhofer-Studie zeigt beschleunigten Markteintritt, aggressive Expansionsstrategien und wachsenden Preisdruck
  • Gewerkschaft und Betriebsräte fordern entschlossene politische Reaktionen und strategisches Handeln der Unternehmen

Stuttgart. Die LKW-Industrie im Südwesten steht vor einem tiefgreifenden Umbruch. Eine neue Studie des Fraunhofer-Instituts für System und Innovationsforschung ISI, finanziert durch das Transformationsnetzwerk CARS 2.0*, zeigt: Chinesische Nutzfahrzeughersteller treiben ihren Eintritt in den europäischen Markt in rasantem Tempo voran, bauen Produktions- und Servicenetze in Europa auf und verschärfen den Druck auf etablierte Hersteller.

Barbara Resch, Bezirksleiterin der IG Metall Baden-Württemberg, warnt eindringlich: "Wir stehen an einem entscheidenden Punkt. Bleiben politische Weichenstellungen aus, wandern Zukunftstechnologien wie Batterie- und Wasserstoffantriebe aus Baden-Württemberg ab. Das hätte gravierende Folgen: Zunächst verlieren die Zulieferer Wertschöpfung und Beschäftigung, später auch die Hersteller. Im LKW-Sektor darf uns nicht das passieren, was wir im Pkw-Bereich erleben."

Michael Kaiser, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH, ergänzt: "Wir sehen derzeit, dass sich im Nutzfahrzeugbereich Entwicklungen wiederholen könnten, die im PKW-Segment zu einer deutlichen Marktpräsenz chinesischer Hersteller geführt haben. Diese von CARS 2.0 beauftragte Studie sensibilisiert für diese Dynamik und leitet konkrete Handlungsempfehlungen für die Akteure im Nutzfahrzeugsektor ab."

Markteintritt der chinesischen Hersteller beschleunigt sich um den Faktor drei

Die Studie des Fraunhofer ISI zeigt, dass chinesische Hersteller beim Markteintritt in Europa deutlich schneller vorankommen als in früheren internationalen Märkten: Der Eintritt erfolgt mittlerweile dreimal so schnell wie zuvor etwa in Südafrika. Hersteller wie SANY, Foton, FAW und das neue Startup Super Panther nutzen Partnerschaften, Greenfield Investitionen und europäische Servicenetzwerke, um in kurzer Zeit sichtbar Marktanteile aufzubauen.

Studienautor Dr. Christian Lerch, Leiter des Geschäftsfelds Industrieller Wandel Industrieller Wandel und neue Geschäftsmodelle am Fraunhofer ISI, betont: "Die etablierten Hersteller aus China haben wertvolle Erfahrungen beim Markteintritt in internationalen Märkten – wie in Südafrika, oder im Bussegment in der EU – sammeln können. Beim Truck-Markt in der EU sehen wir ein vergleichbares Vorgehen wie in Südafrika – allerdings durchlaufen sie hier den Markteintrittszyklus deutlich schneller. Für den Aufbau vergleichbarer Wertschöpfungsstrukturen haben sie lediglich ein Drittel der Zeit benötigt. Die Bedrohung ist also groß und wächst mit jedem Tag."

Betriebsräte schlagen Alarm

Aus Sicht der Betriebsräte ist vor allem die politische Untätigkeit ein Risiko. Ladeinfrastruktur, Energienetze und H2-Tankstellen fehlen, werden zurück gebaut oder nicht ausgebaut.

Michael Brecht, Gesamtbetriebsratsvorsitzender der Daimler Truck AG: "Wenn unsere Industrie bei der Elektromobilität wettbewerbsfähig sein soll, brauchen wir einen europaweiten strategischen Industrieplan, der die Entwicklung und Produktion von Batteriezellen fördert und das Risiko für die Unternehmen minimiert. Außerdem müssen die Hersteller in die Lkw investieren. Wir können den Kostenwettbewerb nicht gewinnen, also müssen wir die besseren Fahrzeuge haben. Und schließlich brauchen wir eine EU-Förderung, von der auch bestehende Industrie-Cluster profitieren. Das ist wichtig für den Erhalt unserer Standorte und der Arbeitsplätze."

Wilfried Schmid, Konzernbetriebsratsvorsitzender von Iveco Magirus, ergänzt: "Wenn China bereit ist zu investieren, aber Europa nicht bereit ist zu bauen, beschleunigen wir den Abstieg unserer eigenen Industrie. Uns fehlt ein politischer Masterplan für Infrastruktur, Energiepreise und Technologieoffenheit. Ohne diesen Plan verlieren wir Wertschöpfung, mit dramatischen Folgen für die Kolleginnen und Kollegen. Wir müssen die Regeln neu definieren. Der Markt wird es richten und die freien marktwirtschaftlichen Ansätze, das ist aktuell der Weg in das Aus für die deutsche Industrie und in die Arbeitslosigkeit für unsere Kolleginnen und Kollegen. Wir haben es mit einem Gegner zu tun, der die Planwirtschaft perfekt beherrscht."

Studie zeigt: Startups wie "Super Panther" greifen europäische Kernkompetenzen an

Besonders alarmierend sind die Ergebnisse zu den neuen chinesischen LKW-Startups. Super Panther, erst 2022 gegründet, hat im Eiltempo ein Netzwerk aus europäischen Partnerschaften aufgebaut: Kooperationen mit DHL, TÜV Nord, Alltrucks (Bosch/KnorrBremse) und ein Produktionsvertrag in Steyr über 16.000 Heavy Duty E-LKW ab 2026.

Die Kombination aus schnellen Produktionsanläufen, aggressiven Preisen und hoher Skalierung bedroht klassische Wettbewerbsvorteile in Baden-Württemberg - insbesondere im Zulieferbereich für Antriebsstränge und elektrische Komponenten.

IG Metall fordert jetzt entschlossenes Handeln

Resch macht unmissverständlich klar: "Unsere Hersteller verfügen über eine weltweit einzigartige Anwendungserfahrung und die besten Fachkräfte der Welt. Wir haben die industrielle Substanz. Aber: Die Zeit tickt. Wir müssen jetzt die Weichen stellen, damit die echte Wertschöpfung hier in Europa bleibt. Einfach nur abzuwarten, wäre die Kapitulation vor dem industriellen Abstieg." Sie fügt hinzu: "Unsere Kolleginnen und Kollegen in den Werken sind bereit für diesen Wettbewerb. Aber sie brauchen faire Spielregeln. Wir fordern eine europäische Antwort, die genauso systemisch und entschlossen ist wie die Herausforderung, vor der wir stehen."

 

Die Studie wurde durch das Projekt „CARS 2.0“* beauftragt und finanziert. Das Transformationsnetzwerk für den Fahrzeug- und Maschinenbau (CARS 2.0) begleitet Unternehmen in den Regionen Stuttgart und Neckar-Alb bei der Transformation. Es wird durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) gefördert und von der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH (WRS) koordiniert. Partner sind das Bildungswerk der Baden-Württembergischen Wirtschaft e.V., die Industrie- und Handelskammer Region Stuttgart und die IG Metall Baden-Württemberg. Weitere Informationen: https://cars.region-stuttgart.de/

* Cluster Automotive Region Stuttgart 2.0 – Transformationsnetzwerk für den Fahrzeug- und Maschinenbau

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